Werner Sonntag hat gelesen:


Eine muntere Weltgeschichte des Laufens

Thor Gotaas: Laufen. Von den Wettkämpfen der Antike zu den Städtemarathons von heute

Wer diesen Band einem Läufer, gleich welchen Leistungsniveaus, schenken möchte, macht nichts falsch. Wir haben es bei dem Buch von Thor Gotaas in bestem Sinne mit einer Weltgeschichte des Laufens zu tun, und zwar einer fesselnden.

Zwar enthalten viele Laufbücher, wie zum Beispiel „Mythos Marathon“ von Heiner Boberski (2004), auch eine kurze Geschichte des Laufsports, aber deren wenige Informationen dürften den meisten Lesern nun bekannt sein. Wissenschaftliche Darstellungen hingegen umfassen je nach dem Arbeitsgebiet ihrer Autoren jeweils nur einen bestimmten zeitlichen oder regionalen Bereich. Was eine Gesamtschau in einem Sachbuch angeht, so kenne ich an neuerer Literatur nur das 2001 in den USA erschienene „Running through the Ages“.

Der norwegische Schriftsteller Thor Gotaas hat sich mit seinem 2008 in Oslo erschienenem Titel „Løping: En verdenshistorie“ eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt. Auch er versichert, es sei unmöglich eine komplette Version der Weltgeschichte des Laufens zu schreiben. Für die Zeit nach dem Jahr 1800 müsse man notgedrungen eine Auswahl treffen. Dem Buch merke man sicher an, daß es von einem Europäer geschrieben sei, der die Welt mit skandinavischen Augen betrachte. Es sei nichts anderes als nur eine Version der Weltgeschichte des Laufens, nämlich die des Autors.

Doch keine Bange, die Auswahl ist umfassend genug. In der Fülle von Material, für die das Quellenverzeichnis und das Personenregister kennzeichnend sind, behält Gotaas den roten Faden. Die Gliederung in zahlreiche thematische Kapitel sorgt für Ordnung. Er nimmt als Einstieg die Stafettenläufer des Inka-Reiches und die Botenläufer Mitteleuropas vom 15. bis zum 19.Jahrhundert und führt uns zu Sumerern und Ägyptern, bevor er sich mit dem Laufen bei den Griechen befaßt. Selbst bei diesem faktenreichen Kapitel beläßt es der Autor nicht dabei, Informationen aneinanderzureihen, sondern er erzählt, was die Quellen hergeben. Die Lektüre wird damit zu einem Vergnügen. Auf die im Hinblick auf das Laufen karge römische Zeit folgt eine Bewertung der Lauf-Metaphern im Alten Testament.

Besonderes Interesse werden die Kapitel über das Laufen in China, überwiegend mit militärischem Hintergrund, in Indien, wo viele mythische Gestalten mit dem Laufen verbunden sind, und über die rituellen Ultra-Läufe der Mönche in Tibet finden. Beginn der Zeitmessung, Entwicklung der Damenläufe und die Nacktläufe der Adamiter bilden ein weiteres Kapitel. Französische Aufklärung (Rousseau) und deutsche Gesundheitslehre (GutsMuths und Jahn) faßt der Autor auf wenigen Seiten zusammen. Versteht sich, daß er Mensen Ernst und Captain Barclay porträtiert. Mit dem Laufen der Indianer stellt er dar, daß eben nicht nur die Tarahumara gelaufen sind. Das Kapitel über Deerfoot (Hirschfuß) benützt er dazu, Hochstapler und Tiefstapler im Laufen zu schildern. Dann, etwa auf Seite 150 der 400 Seiten, hat Gootas das Laufen in der Moderne erreicht. Eine Anzahl von biographischen Darstellungen sind die Mosaiksteine eines Gesamtkunstwerks, das uns der Autor vor Augen führt. Auch hier wieder Informationen, die wohl selbst für aufmerksame Sportteil-Leser mit gutem Gedächtnis neu sind.

Ein Schönheitsfehler der deutschen Ausgabe ist, daß der Übersetzer, Frank Zuber, bei aller inhaltlichen Korrektheit (wobei ich nur mit der englischen Fassung vergleichen konnte) doch den Nachlässigkeiten der Alltagssprache erlegen ist: Von einem Sportbuch erwartet man, daß Olympische Spiele nicht als Olympiade bezeichnet werden (Olympiade ist nur die Zeitperiode zwischen zwei Olympischen Spielen). Die falsche Schreibweise von Prof. Reindell (im Buch nur mit einem L) und Woldemar Gerschler (im Buch Waldemar) ist verständlich, wäre aber vermeidbar gewesen. „Nichtsdestotrotz“ ist ein linguistischer Scherz – nach meiner Erinnerung aus den siebziger Jahren –, der es zwar in die Wörterbücher geschafft hat, aber nichtsdestoweniger ein Fremdkörper bleibt. Über falsche Infinitive mit „zu“ und Kasusfehler mag man hinweglesen.

Diese Anmerkung soll den Wert dieser Lauf- und Läufergeschichte von enzyklopädischem Charakter nicht mindern. Die Arbeit, die dahinter steckt, erklärt, weshalb das Buch trotz der Fülle an Neuerscheinungen auf dem Gebiet des Laufsports unvergleichlich ist.

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag

Thor Gotaas: Laufen. Von den Wettkämpfen der Antike zu den Städtemarathons von heute. Aus dem Norwegischen von Franz Zuber. Delius Klasing Bielefeld, 2012. Geb., 400 Seiten, 16 SW-Fotos. ISBN 978-3-7688-3523-7. 19,90 € (D)


Ein Laufbuch für alle – „Laufbuch“

Das Konzept des „Laufbuches“ besteht darin, daß es auf den ersten Blick keines hat. Es enthält Hunderte unverbundener Informationen, die gewaltsam, aber nicht ohne Witz zusammengefügt sind. Das muß eine Heidenarbeit gewesen sein! Thema: Alles, was auch nur entfernt mit dem Laufen zusammenhängt. Der schlichte, für beinahe jedes Laufbuch passende Titel ist daher gerechtfertigt.

Die drei Autoren kennen sich aus. Es sind die beiden „Runner’s-World“-Redakteure Martin Grüning und Urs Weber, die seit Jahren die Läuferthemen ihrer Zeitschrift handhaben, und Jochen Temsch, Reiseredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, einer der beiden Autoren der RW-Serie „Paarlauf“, der den Umgang mit Informationsmasse schon im „Reisebuch“ der Edition seiner Tageszeitung praktiziert hat.

Alle drei können schreiben, auch wenn es sich um staubtrockene Fakten handelt. Das allein macht die Lektüre der 400 Seiten unterhaltsam und vergnüglich.

Allerdings sind manche Hinweise und Erklärungen nicht ernst zu nehmen und haben wohl allein des Unterhaltungswertes wegen in der seriösen Aufbereitung Platz gefunden, zum Beispiel wie man einen Marathon ohne Vorbereitung mit Betrug beendet. Oder wie man Backwaren in einer Tüte verstaut, wenn man damit aus einer Bäckerei nach Hause laufen will. Oder wie man einen Kampfhund wiederbelebt. Wenn die drei Läufer eine Frage zwar stellen, sie aber nicht ausreichend beantworten konnten, haben sie Spezialisten, darunter auch einige Weltklasseläufer, zu Rate gezogen.

Dennoch, trotz einem Spaß hier und da ist der Band randvoll mit Nützlichem gefüllt und haben die Informationen und Ratschläge hohe Substanz, und zwar sowohl für Beginner als auch für Erfahrene, weil sie auf Kompetenz beruhen.

Der Band trägt metaphorische Kapitel-Überschriften: Kopf voraus, Arme hoch, Bauch weg, Hüfte schwingen, Beine locker und Fuß fassen. Darunter sind zusammenfassende Informations-Überschriften. Da dies jedoch bei der Suche zur Orientierung bei weitem nicht ausreicht, stehen im Text außer veranschaulichenden Ergänzungen in kleinerem Schriftgrad Verweise auf ähnliche Informationen und ist ein ausführliches Register beigegeben.

Kritisches? Nun ja, zum Tauchen werden keine Sauerstoff-Flaschen, sondern Preßluftflaschen verwendet. Lance Armstrong macht sich wohl nach der vernichtenden Doping-Enthüllung in einem solchen Band nicht mehr so gut. Den Rekord der weltweit meisten Marathone hat Horst Preisler an Christian Hottas abgeben müssen. Das Korrekturprogramm eines Computers prüft zwar die Schreibweise, kann aber nicht entscheiden, ob das Wort richtig gewählt ist (konkret: ihm statt im und der falsche Gebrauch der Anredeform Sie). Bei der Masse des Informationsmaterials verzeihliche Fehler.

Wer immer als Läufer den Band kauft, – er wird hilfreiche Information und auf jeden Fall Interessantes finden. Ein Band, den man ohne Sinn-Verlust auch in öffentlichen Verkehrsmitteln mit mehrmaligem Umsteigen lesen kann. Versteht sich, daß sich ein Läufer, eine Läuferin mit Sicherheit auch freuen wird, wenn er/sie das „Laufbuch“ geschenkt bekommt.

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag


Martin Grüning, Jochen Temsch, Urs Weber: Laufbuch. Süddeutsche Zeitung Edition, 2012. Geb., 400 S. ISBN 978-3-86615-974-7, 19,90 €


Mit Sprengstoff in den Schuhen

Ein neuer Marathon-Thriller: „New York Run“

Ich bin kein Krimi- oder Thriller-Leser. Diesen habe ich wegen des Titels gelesen: „New York Run“. Er ist die eigenständige Fortsetzung des „Boston Run“. Diesen ersten „Marathon-Thriller“ hatte der Autor mangels anderer Möglichkeiten als Book on demand erscheinen lassen. Im Jahr 2010 hat ihn der Sportwelt-Verlag übernommen, ein kleiner, aber feiner Verlag, der sich rühmt, Sportbücher für Anspruchsvolle zu verlegen. Schon das mag ein Indiz dafür sein, daß sich der Autor, Frank Lauenroth, ein studierter Maschinenbauer aus Sachsen-Anhalt und nun Software-Entwickler in Hamburg, heute als etabliert betrachten darf.

Ein Marathon als Hintergrund eines auf Spannung angelegten Romans, eines „Thrillers“ eben, das geschieht in dieser Kategorie nicht zum erstenmal. Die Aufgabe, Spannung zu erzeugen, erfüllt der Autor durchaus. Es war zwar nicht so, daß ich die Lektüre nicht unterbrechen konnte, aber ich habe mich unterhalten gefühlt.

Die Verschränkung der dramatischen Story mit dem Event des New York City-Marathons läßt jedoch zu wünschen übrig; ein Läufer wie ich kommt zu dem Schluß: Sie findet nicht statt. Die Idee, zwei Läufer mit Sprengstoff in den Schuhen mit Disk-System laufen zu lassen, wobei jede Unterbrechung des Laufens zur Explosion führen muß, mag originell wirken, hat mich jedoch, den nörgelnden Realisten, nicht überzeugt. Was mich aber noch mehr gestört hat, ist, daß die beiden Läufer wie im „Boston-Run“ gedopt sind, und zwar auf so neuartige Weise, daß sie gewinnen müssen. Frank Lauenroth entfernt sich hier nicht nur von der Realität, was in einem Thriller erlaubt sein mag, er entfernt sich auch von der Ethik, vorsichtig gesagt, der meisten Läufer. Wenn Doping zum Sujet eines Romans wird, dann muß es literarisch auch bearbeitet sein. Das ist hier nicht der Fall.

Die Handlung, die im Interesse der potentiellen Leser nicht nacherzählt werden soll, ist sehr komplex; ich habe ihr verschiedentlich nicht folgen können, was aber sicher an mir, dem ungeübten Krimi- und Thriller-Leser, liegt. Literarische Ansprüche habe ich an diese Literaturgattung nicht, aber die Sprach-Fehler sollen dennoch registriert sein, denn ein Autor muß sein Handwerkszeug beherrschen: „Brauchen“ erfordert nach wie vor den Infinitiv mit zu, die Form von „vergelten“ in der dritten Person Einzahl lautet „vergilt“, nicht vergeltet; „scheinbar“ ist, wenn etwas sich nicht wirklich so verhält, wenn es dagegen nur so scheint, heißt es: anscheinend.

„New York Run“ würde ich Läufern nicht empfehlen, wenn sie über den New York City-Marathon lesen möchten, sondern nur dann, wenn sie sich mit einer spannenden Story entspannen möchten.

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag


Frank Lauenroth: New York Run. Der zweite Marathon-Thriller. Sportwelt Verlag, Taschenbuch, 273 Seiten. 9,95 €. ISBN 978-3-941297-19-7


Brücke zwischen Ernährungswissenschaft und Sportpraxis

In den letzten drei Jahrzehnten ist eine ganze Anzahl von Büchern zum Thema Sport und Ernährung erschienen. Gegenwärtig seien auf dem Markt wohl neun Titel mit dieser Thematik erhältlich, weshalb dann ein zehntes? fragen die beiden Autoren der Neuerscheinung „Sport und Ernährung“. Die Antwort wird schon im Untertitel gegeben: „Wissenschaftliche Empfehlungen und Ernährungspläne für die Praxis“.

In der Tat, die Autoren verfolgen den Anspruch, allein solche Informationen zu geben, die wissenschaftlich erhärtet sind. Das ist Vorzug und Nachteil zugleich. Ein Nachteil deshalb, weil eine Ernährungsform wie die Vollwertkost nicht vorkommt; das umfangreiche klinische Material darüber ist in den Jahrzehnten der populären Verbreitung wissenschaftlich nicht dargestellt worden.

Der 1984 erschienene kleine Band „Sport und Ernährung“ von Prof. Dr. Klaus Jung beschränkt sich auf die Untersuchungen des Deutschlandlaufes 1981, bei dem sich die sechs Teilnehmer strikt vollwertig ernährten.

Der große Vorzug des neuen Titels „Sport und Ernährung“ von Dr. Dr. Dr. Christoph Raschka und Dr. Stephanie Ruf besteht darin, daß die meisten Informationen präzise dokumentiert sind. Wo das nicht der Fall sein kann, wird dies ausdrücklich gesagt. Das Verdienst der Autoren ist es, „daß sie konkrete Ernährungsempfehlungen nicht auf der Basis persönlicher Erfahrungen, sondern auf Grund von klaren Positionspapieren der amerikanischen Gesellschaft für Sportmedizin, der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit und gestützt durch anerkannte wissenschaftliche Fachstudien geben“, schreibt Dr. Martin Engelhardt in seinem Geleitwort. Einbezogen ist auch der Arbeitskreis Sport und Ernährung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, an der, wie bekannt, auch die Lebensmittelindustrie beteiligt ist. Immerhin erfährt der Benützer auf diese Art und Weise verläßlich, was derzeit wissenschaftliche Lehrmeinung ist.

Die beiden Autoren beginnen mit einer Definition der Sporternährung, beschreiben die „ungünstige oder gar defizitäre Versorgungslage“ von Sportlern, stellen die ernährungsphysiologischen Grundlagen zu Nährstoffen dar, behandeln die Basisernährung von Sportlern, die Energiegewinnung unter verschiedenen Belastungszeiten sowie schnelle und langsame Energiequellen. Der Bezug zum Sport, der bereits in diesen Grundlagen-Kapiteln hergestellt wird, verstärkt sich durch spezielle Kapitel wie Kohlenhydrataufnahme und körperliche Leistung, Wettkampfernährung, Ernährungstechniken für den Wettkampf, Sportriegel, Proteinzufuhr, Muskelaufbau durch Ernährung. Proteinpräparate werden unter die Lupe genommen. Versteht sich, daß der Flüssigkeitshaushalt, der Flüssigkeitsbedarf und die Getränkewahl im Sport dargestellt werden. Bei den Trinkempfehlungen für verschiedene Belastungen wird endlich auch einmal kompetent dem Ultra-Ausdauersport Platz eingeräumt. Trinken, soviel es geht? Das Fragezeichen deutet bereits an, daß der Wandel der Trinkempfehlung von der maximalen Quantität hin zum individuell angepaßten Trinken aktuell berücksichtigt wird. Auch die Kapitel Vitamine, Mineralstoffe und leistungssteigernde Substanzen einschließlich der korrigierten Rolle des Kaffees erfüllen den Bedarf an aktuellen Aussagen. Themen wie die Faktoren des Immunsystems und die Ernährung in großen Höhen geben Antworten auf spezielle Fragen. Die Beschreibung der Körperzusammensetzung und ihre Messung verhilft zu korrekten Meßergebnissen. Ein nicht selten verdrängtes Gebiet sind Eßstörungen bei Sportlern. Sporternährung in Fachzeitschriften und im Internet kommt den Sportpraktikern entgegen.

Der Wert dieses Bandes besteht außer in der wissenschaftlichen Verifikation in dem engen Praxisbezug. Dem dient auch der Anhang mit einem Tages-Ernährungsprotokoll, Ernährungsplänen und Rezepten. Die zahlreichen Literaturangaben aus jüngerer Zeit belegen die Aktualität dieser Neuerscheinung; auch Gert Uhlenbruck ist mit einer immunologischen Arbeit vertreten. Auch wenn es nur 202 Seiten sind, – die Autoren haben eine ungeheuere Fleißarbeit hinter sich und erweisen sich als Kenner des Sports. Der Band ist allgemeinverständlich und sehr konzis geschrieben und übersichtlich gegliedert. Ein Buch nicht so sehr zum Lesen als vielmehr zum Nachlesen.

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag


Christoph Raschka und Stephanie Ruf: Sport und Ernährung. Wissenschaftlich basierte Empfehlungen und Ernährungspläne für die Praxis. Georg Thieme Verlag Stuttgart und New York, 2012. 24 x 17 cm, kartoniert, 202 Seiten, mit 27 Abbildungen. ISBN 978-3-13-167151-6. 39,99 Euro, 41,20 EUR (A), 56 CHF.


Begegnungen mit Alexander Weber

Umschlagbild und Untertitel lassen keinen Zweifel, wem die "Laufenden Begegnungen" gelten: Prof. Dr. rer. nat. Alexander Weber, der am 25. Juni 75 Jahre alt geworden ist. Ein Geburtstag dauert einen Tag; dies ist der Versuch, einem flüchtigen Ereignis Dauer zu verleihen. Der Sozialpädagoge Wolfgang Schüler hat Dozenten des Deutschen Lauftherapiezentrums gebeten, sich in einem Beitrag ganz individuell Alexander Weber zu nähern.

Martin Krüger hält auf einem Lauf Rückschau auf die Vorgeschichte des DLZ. Der Orthopäde Richard Ammenwerth schildert die Gründung des Lauftherapiezentrums 1988 und die drei Jahre später beginnende Ausbildung von Lauftherapeuten.

Der Laufschuh-Experte Frank Czioska würdigt Webers Tätigkeit als Schuhtester, der bereits in den siebziger Jahren ein seriöses Schuhtest-System aufgebaut hat und unbestechlich Laufschuhe für das Laufmagazin "Spiridon" beurteilt. Johannes Tack enthüllt, daß Alexander Weber außer dem Laufen ein weiteres Steckenpferd reitet, das Singen; er hat bereits während seines Studiums Gesangsunterricht genommen und singt seit fast zehn Jahren in dem Musikensemble "Die Herren Vocalisten". Arwed Bonnemann findet, daß sich das Persönlichkeitsbild Webers nach den Regeln, die Glücksforscher empfehlen, zur Lebenskunst rundet. Klaus Richter erklärt vor dem Hintergrund seiner zwanzigjährigen Tätigkeit für das DLZ witzig den Wandel eines leistungsambitionierten Läufers zum Gesundheitsläufer. Barthel Schumacher beschreibt biographisch, was ihm das Laufen und die Lauftherapie für geistig Behinderte bedeuten. Rüdiger Carlberg beschreibt seinen Weg als Läufer, der ihn schließlich zu Alexander Weber führte und, wie er schreibt, sein Leben veränderte. Wolfgang Schüler, der Herausgeber, hatte schon als Kind begonnen, leistungsbetont zu laufen, konnte seine Erfahrungen beruflich in Laufpädagogik umsetzen und fand schließlich zur Laufforschung. Jochen Grell fordert in seinem Feuilleton dazu auf, Selbstbehinderungen aufzugeben.

Auf diese Weise ist, zusammen mit Rückblick und Kurzporträts der Autoren, ein Buch zustandegekommen, das um einen Mittelpunkt kreist, ohne daß dieser auftaucht: Alexander Weber. Der Herausgeber definiert "Laufende Begegnungen" nicht als Sachbuch, sondern als "Lesebuch": "Die Auseinandersetzung wird literarisch geführt. Dabei kommt vielerlei zum Ausdruck, mithin die Berührtheit der Verfasser, ihre Motive und Motivationsdynamiken, ihre Erfahrungen und Interpretationen, ihre Reflexionen über tiefgreifende Verbindungen von Laufen und Leben, nicht zuletzt ihre Selbstdistanz und ihr Humor."

Sicher, als Allerweltsläufer, den nichts anderes als seine nächste Marathonzeit interessiert, muß man ein solches Buch nicht gelesen haben. Wer jedoch einen Hauch von der psychologischen Dimension des Laufens empfunden hat, wird berührt sein von der Wärme der Auseinandersetzung mit dem Werk Professor Webers. Viele kleine Informationen bringen auch Außenstehenden das Deutsche Lauftherapiezentrum näher. Der Herausgeber hat nicht bloß einen Freundschaftserweis zum Geburtstag veröffentlicht, sondern vor allem auch eine wichtige Facette des Laufens - die wichtigste? - menschlich gemacht.

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag


Wolfgang W. Schüler (Hrsg.): Laufende Begegnungen. Ein Lesebuch zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. Alfred Weber. Book on demand Pro busineß GmbH, 2012. Geb., 264 S. 14,90 €. ISBN 978-3-86386-239-8


Die Essensfälscher

Was uns die Lebensmittelkonzerne auf die Teller lügen


 

Manche der in diesem Buch dargestellten Fakten aus der Herstellung von Nahrungsmitteln mögen bekannt gewesen sein; doch kaum, daß wir durch eine kurze Zeitungsmeldung oder eine kritische Fernsehsendung Kenntnis davon genommen haben, sind wir weitergeeilt. Eine emotionale Aufwallung – und dann haben wir die Nachricht vergessen. Da ist es verdienstlich, daß einer, der sich kontinuierlich Einblick verschafft hat, die Arbeitsweise der Nahrungsmittelindustrie entlarvt, Fakten der Verfälschung unter bestimmten Gesichtspunkten ordnet, schwammige Begriffe abklopft und damit in bestem publizistischen Sinne Aufklärung betreibt. Thilo Bode, der Gründer der Verbraucherrechtsorganisation Foodwatch, hat nach „Abgespeist“ nun ein weiteres Buch zum Thema vorgelegt, „Die Essensfälscher. Was uns die Lebensmittelkonzene auf die Teller lügen“.

Die Nahrungsmittelindustrie, so macht der Autor klar, ist einer der fünf größten Industriezweige in Deutschland. Im Jahr gibt sie 2,8 Milliarden Euro für die Werbung aus, mehr als die Automobilindustrie. Wie jede Industrie strebt auch sie nach Wachstum. Dem sind jedoch natürliche Grenzen gesetzt; eine Bevölkerung, in der fast jeder Zweite bereits übergewichtig ist, sollte nicht mehr essen, als sie jetzt ißt. Also gilt es für die Industrie, eine neue Wachstumsstrategie anzuwenden.

Einer ihrer Bestandteile ist die Irreführung der Verbraucher. Darunter versteht der Autor den Ersatz teurer Inhaltsstoffe durch billigere Imitate, versteckte Preiserhöhungen durch Verkleinerung der Packungsfüllmengen, falsche Produktattribute, die eine regionale Vermarktung vortäuschen, und Produkte, die als Innovationen ausgegeben werden, darunter Convenience und Functional Food, nämlich Fertiggerichte und Funktionsnahrung. Neun von zehn Kindern essen mindestens jeden dritten Tag ein Fertiggericht. Die Branche wirbt zwar damit, daß sie täglich 50 Millionen Kundenkontakte habe, aber fast zwei Drittel aller Verbraucher beteuern, daß ihnen das Einkaufen der Lebensmittel keine Freude mache. Nur ein kleiner Teil der Verbraucher kann auf dem Wochenmarkt oder direkt beim landwirtschaftlichen Erzeuger einkaufen.

Die Nahrungsmittelhersteller versprechen mit ihren Produkten Wellness, Gesundheit, Schönheit und Schlankheit. Dank der Reklame sind diese Versprechungen bei vielen Verbrauchern verinnerlicht. Der Autor führt als Beispiele den Trinkjoghurt des französischen Herstellers Danone und die cholesterinsenkende Margarine von Unilever an. „Functional Food ist eines der letzten Wachstumsfelder auf den gesättigten Lebensmittelmärkten der westlichen Industrieländer.“ Allein die deutschen Verbraucher, so berichtet Thilo Bode, geben jährlich mehr als drei Milliarden Euro für Nahrungsmittel mit vermeintlichem Gesundheitsnutzen aus. Nach Meinung von Experten soll Functional Food schon bald ein Viertel des Lebensmittelmarkts ausmachen.

Im Jahr 2010 sollte der EU eine Liste aller zulässigen nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben über Lebensmittel vorliegen; doch die EU-Behörde ist mit einer Flut von etwa 40 000 Anträgen überschwemmt worden, die mittlerweile auf etwa 4 000 reduziert worden sind. Sollte die Liste doch noch veröffentlicht werden, sind nach Ansicht von Thilo Bode noch immer Hunderte, wenn nicht Tausende von Gesundheitsslogans erlaubt, deren positive Wirkung auf eine ausgewogene Ernährung fraglich sei. Das Verfahren begünstige zudem die wenigen Konzerne, die in ihren großen Forschungsabteilungen über das wissenschaftliche Know-how verfügten. Mittelständische Unternehmer haben dagegen kaum eine Chance. Functional Food ermutige wahrscheinlich entsprechende Verbraucher, den Supermarkt statt den Arzt aufzusuchen. Die These vom Nährstoffmangel, der durch Zusätze ausgeglichen werden müsse, sei höchst umstritten. Die Vitamine in vielen modernen Nahrungsmitteln ließen eher an eine Überdosierung glauben.

Insbesondere mit dem Beispiel des „Schwarzwälder Schinkens“ belegt Thilo Bode die „Traditionslüge“. Das Produkt werde im Schwarzwald hergestellt, aber nicht erzeugt. Von den 750 000 Schweinen, die jährlich in Schiltach geräuchert würden, komme kein einziges aus dem Schwarzwald. Außer Schiltacher Luft sei nur der Rauch aus Sägespänen schwarzwälderisch. Was der Produzent der Marke „Schwarzwälder Schinken“ treibe, mache die halbe Lebensmittelbranche: „Gnadenlos reitet sie auf der Regional- und Traditionswelle.“ Die EU-Gesetzgebung wirke als Steigbügelhalter; das blaugelbe EU-Siegel der „geschützten geographischen Angabe“ erfordere lediglich, daß eine einzige Produktionsstufe im Herkunftsgebiet stattfinde. Als weiteres Beispiel hat Foodwatch Bertolli untersucht, eine Marke des Lebensmittelmultis Unilever. Das „Pesto Verde“, das nach „traditioneller Rezeptur nur aus erlesenen hochwertigen Zutaten“ hergestellt werde, entpuppte sich als „dreiste Mogelpackung“; Bertolli hatte gerade mal zwei Prozent Olivenöl in sein Produkt gemischt, und die Pinienkerne, die auf der Packung leuchten, machten nur 2,5 Prozent des Inhalts aus. Und so geht es weiter: von Schwartaus „Gourmet-Frühstück Erdbeere“ über die Champignon-Creme-Suppe von Escoffier zum Schokoladenpudding „Pur Choc“ von Dr. Oetker.

Einen weiteren Ansatz, Methoden von Nahrungsmittelkonzernen zu beleuchten, sieht Bode in deren Projekten für Bildung und Verantwortung im Hinblick auf Kinder und Jugendliche, eine Zielgruppe, an der durch den Verkauf überzuckerter Nahrungsmittel Millionen von Euro verdient werden: „Die Lobby hat aus einem Gewürz, das niemand zum Leben braucht, einen Stoff gemacht, der heute von den meisten als Grundnahrungsmittel angesehen wird wie Reis, Brot oder Fleisch. Auch wenn es die Zuckerlobbyisten predigen – der Körper braucht gar keinen Zucker... Mit reinem oder gar keinem Gewissen verkauft die Lebensmittelindustrie immer süßere Süßigkeiten oder versteckt den süchtig machenden süßen Stoff als Geschmacksverstärker in einer Riesenpalette von Nahrungsmitteln, in denen er nichts zu suchen hat oder wo ihn der normale Verbraucher nicht erwartet.“ Die Konsequenz aus einer Anzahl von Fällen, in denen Kinder als Verbraucher von hoch zuckerhaltigen Nahrungsmitteln und Getränken angesprochen werden, heißt für den Autor: „Die Lebensmittelindustrie sollte sich nicht länger für Sport-Events und Frühstückstische in Schulen engagieren, sondern das tun, was sie viel besser könnte, wenn sie es nur wollte: gute, gesunde Nahrungsmittel herstellen und deren Inhaltsstoffe klar benennen, anstatt mit Wortklingelei zu beschönigen.“

Viele Unternehmen spielten sich als verantwortungsvolle, gesellschaftlich engagierte Ernährungs- und Bewegungsberater auf, darunter ausgerechnet auch noch solche Unternehmen, die zu großen Teilen vom Verkauf allzu fetter und zuckerhaltiger Nahrungsmittel lebten. Bode kritisiert, daß in der „Plattform Ernährung und Bewegung“ auch die Ernährungsindustrie sitze. Deren Manager stellten Übergewicht und Fettleibigkeit vor allem als ein individuelles Problem mangelnder Bewegung dar. Freiwillige Leistungen von Unternehmen oder Branchen seien kein Ersatz für politisches Handeln.

Mit dem Bedeutungs- und Umsatzzuwachs des Marktes für Bio-Lebensmittel sei leider auch die Tendenz gewachsen, den ursprünglichen Qualitätsanspruch von Bio-Erzeugnissen zu verwässern. Bezeichnend sei, wie wenig bei verarbeiteten Bio-Produkten über die Herkunft der Rohstoffe gesprochen werde. Auch die Bio-Siegel schafften kaum Klarheit. Den Verbrauchern sei es kaum noch möglich, verschiedene Qualitätsstufen von Bio-Lebensmitteln zu unterscheiden. Sehr erhellend ist die Schilderung der Backpraxis. Die Backmittelindustrie habe sich auf den Bio-Trend eingestellt und biete ein breites Sortiment an Backmitteln, Backvormischungen und Fertigmehlen an, die von den sogenannten „Handwerkern“ in den Bäckereien nur noch mit Wasser und Hefe angerührt werden müßten. Bode nennt Beispiele dafür, wie mit „minimalem Bio-Einsatz“ „maximale Marketingeffekte“ erzielt werden.

Die staatliche Lebensmittelkontrolle wird als „Kapitulation der Kontrolleure“ beschrieben. „Die Politik imitiert nur politisches Handeln.“ Ein Schaubild des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit veranschaulicht zum Beispiel, daß der Fleischanteil in ausländischen Kochpökelwaren von 83 Prozent im Jahr 1993 auf 57 Prozent im Jahr 2008, in einem Fall gar auf nur noch 38 Prozent gesunken sei. Der Rest sind Wasser, Binde-, Gelier- und Verdickungsmittel, oft auch noch Soja- und Milcheiweiß. Damit würden die kleinen Fleischstücke, Reste der Schinkenherstellung, zusammengeklebt. „Hunderttausendtonnenweise landen diese gummiartigen, strukturlos-mehligen und süßlich schmeckenden Schinken-Imitate auf Pizzen, in Salaten oder Nudelgerichten, ohne daß diejenigen, die die Gerichte essen, davon wüßten.“ Der Staat sei offenbar nur noch in der Lage, den massenhaften Verstoß gegen Gesetze festzustellen und für die Verbraucher aufzubereiten; doch er sei unfähig, den Betrug am Kunden auch nur annähernd einzudämmen. Ähnlich verhält es sich mit dem Imitat-Käse.

Als vorbildlich schildert Thilo Bode den Verbraucherschutz in Dänemark durch das sogenannte Smiley-System; danach müssen die Betreiber von Lebensmittelgeschäften und Restaurants, einschließlich Kantinen und Mensen, darüber informieren, wie sie bei der letzten Lebensmittelkontrolle abgeschnitten hätten, und dies durch ein Symbol (Smiley) kundtun.

Ähnlich wie seinerzeit die Tabak-Industrie entwickle die Nahrungsmittelindustrie Abwehrtechniken gegen Kritiker. Die meisten Hersteller kennzeichneten zwar ihre Produkte korrekt, „aber sie verstehen es genauso gut, diese Kennzeichnung durch inhaltlich gegenläufige werbliche Aussagen oder durch das konsequente Ausnutzen der zahlreichen legalen Schlupflöcher zu konterkarieren“. In diesem Kapitel tritt Thilo Bode vehement für die „Ampelkennzeichnung“ ein, die Markierung hoher Fett- , Zucker- oder Salzanteile sowie gesättigter Fettsäuren durch die Farbe Rot. In dieser Hinsicht ist, finde ich, Kritik angebracht. Auch wenn sich die Nahrungsmittelindustrie gegen die Ampelkennzeichnung wendet, ist damit das Gegenteil noch nicht richtig. Zu Recht ist im Juni in Brüssel die Ampelkennzeichnung mit hoher Mehrheit abgelehnt worden. Die Farbkennzeichnung kann bei manchen Produkten zu falschen Simplifizierungen führen. Einerseits ist die gegenwärtige GDA-Praxis (Guideline Daily Amount) der Zahlenangaben, wie Bode zu Recht hervorhebt, ungenügend und manipulierbar, andererseits treffen Ampelfarben keine Differenzierung und veranlassen die Verbraucher möglicherweise zu falschen Schlüssen.

Dieser Einwand ändert jedoch nichts daran, daß Thilo Bode auch mit seinem Schlußkapitel wichtige Denkanstöße gibt. Sein Buch ist geeignet, das Bewußtsein der Käufer im Supermarkt zu schärfen. Als Handlungsanleitung ist es nicht konzipiert. Diese findet man bei der Ernährungslehre von Kollath/Bruker, der ich anhänge. Dr. Bruker hatte für uns einen schlichten Einkaufstip: „Essen und trinken Sie nichts, wofür Reklame gemacht wird!“ Dem wird auch Thilo Bode nicht widersprechen wollen.

Noch eine Schlußbemerkung: In voller Absicht ist diese lange Besprechung im Umfeld von Sportbüchern placiert. Außer dem Training ist gesunde Ernährung eine wichtige Voraussetzung sportlicher Leistung. Als Sportler gelten wir daher als spezielle Zielgruppe der Nahrungsmittelindustrie und der Hersteller sogenannter Nahrungsergänzung und sind daher Irreführungen besonders ausgesetzt.

W. S.

Thilo Bode: Die Essensfälscher. Was uns die Lebensmittelkonzerne auf die Teller lügen. S. Fischer, Frankfurt a. M., 2010. 224 S., Broschur, 14,95 Euro (D). ISBN 978-3-10-004308-5

Born to run

Auf den Spuren der Tarahumara


Stellenweise glaubte ich, einen Roman zu lesen. Die handelnden Figuren farbig porträtiert, die Vorgänge plastisch geschildert, die Dialoge alltagsgerecht, philosophische Aphorismen eingestreut, von der ersten bis zur letzten Zeile unterhaltsam. Doch immer wenn ich mich von romanhaften Schilderungen entführen ließ, kamen da Namen und Fakten vor, die ich kannte. „Born to run“ ist ein Sachbuch, wenngleich eines ohne die Struktur eines Inhaltsverzeichnisses. Zum Teil sind den 32 Kapiteln Zitate leitmotivisch vorangestellt. Spätestens beim Wiederlesen erkennt man die innere Struktur, die Logik des Erzählers.

Sicher ist es ein Buch, das jedermann in seinen Bann ziehen kann, insbesondere aber spricht es Läufer an, speziell Ultraläufer. Schon das Reizwort „Tarahumara“ würde genügen, uns neugierig zu machen. Doch sowohl in der amerikanischen Ausgabe als auch in der Übersetzung kommen die Tarahumara, die Rarámuri (= Fußläufer), in der Titelei nicht vor. Womöglich hat der Verlag gemeint, Nichtläufer damit abzuschrecken. Christopher McDougall, ehemaliger Kriegsberichterstatter für Associated Press, Mitarbeiter von Men’s Health, hat sich in die Schluchten der mexikanischen Sierra Madre begeben, in die sich die Tarahumara, jener Indio-Stamm, der das lange Laufen mit einer Holzkugel als Kult und Geselligkeit pflegt, zurückgezogen haben. Die zentrale Frage des Autors war, wieso eigentlich sind so viele Läufer verletzt, Wölfe brauchten auch keine Eisbeutel!

McDougall hat eine Antwort gefunden. Doch das ist nur einer der Handlungsfäden. Der Autor porträtiert eine ganze Anzahl von Menschen, denen er bei seinen Lauf-Recherchen begegnet ist. Das Buch beginnt und endet mit Caballo Blanco, dem Weißen Pferd, einem Amerikaner, der sich in die Sierra Madre geflüchtet hat und die Verbindung zu den nahezu unsichtbaren Tarahumara herstellt. Eigene Fußverletzungen haben den schwergewichtigen McDougall dazu gebracht, Kontakt zu den Indios zu suchen, die der Literatur nach unglaubliche Laufleistungen vollbringen. McDougall zitiert den norwegischen Forschungsreisenden Carl Lumholtz, den französischen Schriftsteller Antonin Arraud, den amerikanischen Abenteurer Frederick Schwatka.

Insofern erinnert die Geschichte an den deutschen Sportreporter Arthur E. Grix, der nach den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles ziemlich spontan nach Mexiko aufbrach und seine Eindrücke und Beobachtungen, einschließlich einer Carrera (= rarájipari), eines jener legendären Fußrennen, in einem Buch geschildert hat (erschienen 1935 bei Limpert). Doch anders als Grix verschränkt McDougall seinen Expeditionsbericht mit einer Unzahl von abenteuerlichen Episoden in einem von zwei Drogenkartellen beherrschten Gebiet, Begegnungen, Charakterbildern, aktuellen Informationen der Evolutionsbiologie und Ethnologie. Dabei gelingt es ihm, die Leser von Seite zu Seite mitzunehmen. Es erwartet uns ein fesselnder Lesestoff, jedoch einer, der nicht an der Oberfläche bleibt. Ein Buch also, das man besitzt, um es wieder zu lesen. Wenn man es einem Läufer schenkt, kann man nichts falsch machen.

Obwohl McDougall in der Ich-Form schreibt, nimmt er sich selbst - anders als sein Landsmann Dean Karnazes - über dem Stoff zurück. Allenfalls, daß er manchmal stark pointiert, zum Beispiel bei der Lebensweise der Tarahumara. So ganz unsichtbar sind ja auch sie nicht; zumindest sieht man sie, wenn sie sich sehen lassen wollen. Im Jahr 1994 konnte man drei von ihnen dank Vermittlung beim Swiss Alpine erleben. Sie liefen die damalige Superstrecke von Davos über Filisur, Bergün und den Sertigpaß in ihren selbstgefertigten Sandalen aus Autoreifen. Ihre dabei nicht überragenden Leistungen wurden wie anderswo damit begründet, daß die Strecke für sie zu kurz sei.

Was ist nun die Ursache der vielen Laufverletzungen? Nach Christopher McDougall sind es die Laufschuhe. Er beruft sich dabei insbesondere auf die Erkenntnisse von Professor Dr. Daniel Lieberman, Harvard University, und versucht, sie durch seine Recherchen zu belegen. Für sich selbst hat er die Konsequenz gezogen: Er läuft barfuß und benützt die Gelegenheit, dies zur Nachahmung zu empfehlen. Im Buch allerdings hält er sich damit zurück. McDougall hat sorgfältig gearbeitet; dennoch habe ich meine Zweifel an dem Material, das er aus der Wissenschaft zutage gefördert hat. Auch in früheren Generationen gab es Fußverletzungen; ich selbst litt als Kind an Erfrierungen, weil meine Lederschuhe zu eng geworden waren. Niemand hat solche Verletzungen statistisch festgehalten. Als die Massen zu laufen begannen, waren bereits Fuß- und Beinfehlstellungen von Geburt an oder infolge Nichtgebrauchs oder falscher Ernährung vorhanden. Das Laufen hat diese Fehlstellungen oder zivilisatorischen Funktionsschwächen an den Tag gebracht. Falsche Laufschuhkonzepte - McDougall kritisiert Nike - haben sicher ebenso wie die falsche persönliche Schuhwahl zu Verletzungen geführt, und der unüberlegte Griff zu Einlagen vermochte nicht, sie zu heilen. Einer der frühen Warner vor dem Glaubensbekenntnis der Dämpfung ist Carl-Jürgen Diem. Doch davon ist in den USA nicht Kenntnis genommen worden. Es ist ja auch nicht so, daß alle Läufer nur noch Nike getragen hätten. In Europa hat Nike bei den Läufern längst nicht die Rolle gespielt wie in den USA. Doch auch hier gibt es Fuß- und Beinverletzungen; möglich, daß diese durch Laufschuhe nicht korrigiert werden konnten, aber daß sie durch die Laufschuhe hervorgerufen sein sollen, müßte wohl noch bewiesen werden. Ob vier Fünftel aller Läufer einmal im Jahr Beschwerden haben, möchte ich bezweifeln.

Dennoch, McDougall hat mit seinem ersten Buch eine Diskussion über das Barfußlaufen in Gang gesetzt. Es ist anzunehmen, daß sich dies nach Erscheinen der deutschen Übersetzung in den deutschsprachigen Ländern fortsetzt. Wir haben ja auch in Deutschland Barfußläufer oder Quasi-Barfüßler, nämlich Läufer in „Schuhen“ der Tarahumara-Art. Deren Erscheinungsbild wird durch dieses Buch ganz sicher aufgewertet. Selbst Schuhproduzenten wie Nike haben die Barfußläufer als Zielgruppe entdeckt und bieten nun auch Einfachstschuhe an.

An der gelungenen deutschen Ausgabe von "Born to run" hat der Übersetzer, Werner Roller, den Hauptanteil. Ich kenne zwar das amerikanische Original nicht, aber seine Übersetzung hat aus dem Stoff ein auch auf Deutsch lesenswertes Buch gemacht. Roller hat Dialoge einfühlsam in Alltagsdeutsch umgesetzt. Wir Läufer können uns in diesem Buch wiedererkennen. Ich habe in dem 400 Seiten starken Band auch nur zwei Druckfehler (Eingabefehler) entdeckt. Der Titel ist zu Recht nicht übersetzt worden. „Born to run“ ist längst ein Zitat. Der Titel gibt präzise die generelle Aussage wieder: Wir alle sind zum Laufen geboren.

W. S.


Christopher McDougall: Born to run. Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt. Aus dem Amerikanischen von Werner Roller. Blessing-Verlag, 2010. Geb., 400 S., 19,95 Euro (D). ISBN 978-3-89667-366-4


Die Tarahumara laufen in selbstgefertigten Sandalen, aufgenommen 1994 in Davos.
Photo: Sonntag



Das Mädchen, das gehen wollte
Von Berlin zu Fuß in die Alpen

Gehört ein solches Buch - „Das Mädchen, das gehen wollte“ - in die Kategorie der Laufbücher, die an dieser Stelle behandelt werden? Von Berlin zu Fuß in die Alpen? 900 Kilometer, die und 300 dazu reißt Ingo Schulze mit seiner jährlichen Truppe in 19 Tagen herunter. Die Autorin, Barbara Schaefer, war sechs Wochen unterwegs und das auch noch in zwei Jahresabschnitten. Jedoch: Genau diesen verengten Blickwinkel weitet das Buch. Die Geschichte einer Fußreise spielt auf drei Ebenen, der physischen, der topographischen, der psychologischen.

Die üblichen Erlebnisberichte unserer Läufe geben die reale Bewältigung wieder, es fehlt ihnen die psychische Dimension. Empfindungen und Wahrnehmungen werden allzu oft durch Klischees abgedeckt. Dieser Bericht einer Wanderung zeichnet sich durch die psychische Tiefe aus, die im Verlauf der Darstellung immer mehr an Kraft gewinnt.

Die Beschreibung der Wandertour aus Berlin-Kreuzberg nach Gosau im Salzkammergut steht in einer langen Tradition. Petrarca war, als er 1336 den Mont Ventoux bestieg, der erste bekannte Schriftsteller, der über sein Bergerlebnis reflektierte. Johann Gottfried Seume philosophierte auf seinem „Spaziergang nach Syrakus“, der ihn 1801 von Leipzig nach Sizilien führte. Freiligrath wanderte literarisch durch Westfalen, Fontane durch die Mark Brandenburg. Als die Massenmotorisierung begann - in den sechziger Jahren -, galt Wandern in der jungen Generation als altväterisch, wozu wahrscheinlich die mit roten Strümpfen und Bundhose uniformierten Mittelgebirgswandervereine beigetragen haben. Seit den letzten drei Jahrzehnten erlebt es wieder eine Renaissance. Sie drückt sich auch in der stetigen Zunahme der Pilgerungen auf dem Jakobsweg aus.

Barbara Schaefer geht, weil sie gehen muß. Wandernd verarbeitet sie die Trauer um ihre beste Freundin, die am 31. Mai 2008 bei der Besteigung des Hohen Dachsteins tödlich abstürzte. Es ist eine Wanderung, die im Grunde kein Ziel hat. „Anfangs fühlte ich mich entsetzlich elend. Doch das Gehen, das Rhythmische, das tägliche Einerlei, tat seine Wirkung. Ich ging jeden Tag zwischen zwanzig und dreißig Kilometer. Und es ging mir, langsam nur, aber doch von Tag zu Tag ein kleines bißchen besser. Nach drei Wochen dachte ich, ich hätte das schlimmste Tal durchschritten. Ich empfand nun das tägliche Gehen nicht mehr als meditativ, sondern als monoton. Ich vermißte meine Freunde, meine Stadt. Ich vermißte das Leben.“ Barbara Schaefer beendete ihre Wanderung in Prag und fuhr mit dem Zug zum Hohen Dachstein. Dort blieb sie einen Tag und flüchtete zurück nach Berlin. Ein knappes Jahr später machte sie sich in Tschechien abermals auf den Weg.

In ihrem Buch schildert sie die beiden Abschnitte, die Wanderungen, die Begegnungen mit Menschen, und erinnert sich an Szenen mit ihrer Freundin. Sie zitiert viel aus dem, was sie während der Wanderung gelesen hat. Es ist ein sehr persönliches Buch. Doch es gelingt ihr, die Leser mitzuziehen, ihre Trauer zu teilen.

Mich hat gestört, daß sie durchgehend die tschechischen Ortsnamen verwendet, ausgenommen Theresienstadt. Geschichte findet nur sehr eingeschränkt statt. Doch mehrere Jahrhunderte Nachbarschaft mit Deutschen lassen sich nicht vergessen.

Es ist ein Buch, das einer Freundschaft gewidmet ist. Ich kann mir vorstellen, daß es insbesondere solche Menschen anspricht, die ebenfalls einen Verlust erlitten haben.

W. S.

Barbara Schaefer: Das Mädchen, das gehen wollte. Von Berlin zu Fuß in die Alpen. Diana-Verlag, 2009, kart., 272 Seiten, illustriert, 16,95 Euro. ISBN 978-3-453-28521-7

Antike Laufnotizen
Eine Quellendokumentation übers Laufen erweist sich als überraschend aktuell

Das meiste, was wir aus der Bewegungskultur der Menschheit wissen, stammt aus der griechischen und römischen Antike. Wir haben zwar für Laufaktivitäten ältere Quellen, wie in Ägypten, oder in anderen Kulturen Spuren, die schon früher auf Laufen als Alltagstechnik und Festkultur hindeuten. Aber so präzise wie in der Antike konnte das Laufen nirgendwo dokumentiert werden. Eine große Zahl von Autoren hat sich darüber geäußert, und die Namen einer ganzen Anzahl von Läufern sind überliefert. Doch selbst wer einer humanistischen Bildung teilhaftig war (mein Sohn hätte dies unfreundlicher ausgedrückt), käme über einzelne Namen nicht hinaus. Mit Plutarch und Lukian, die 600 Jahre nach dem angeblichen Ereignis das Ende des Läufers von Marathon schilderten oder erfanden, läßt sich der Stellenwert des Laufens in der griechischen Antike kaum ausreichend bestimmen.

Nun liegt eine umfassende Bestandsaufnahme an literarischen Quellen der Antike vor. In einer Reihe „Quellendokumentation zur Gymnastik und Agonistik im Altertum“, die Ingomar Weiler, Professor für Alte Geschichte in Innsbruck, herausgegeben hat, ist als siebenter und letzter Band die Dokumentation „Laufen“ erschienen. Zwar ist es kein Buch, das man von vorn bis hinten liest (was jedoch auch nicht verboten ist), aber es ist weit mehr als nur ein Nachschlagewerk. Nicht nur, daß in diesem von einem staatlichen Fonds Österreichs geförderten Werk Altertums- und Sportwissenschaft zusammengeführt werden, – man kann auch immer wieder aktuelle Bezüge herstellen. Dazu tragen insbesondere die Stichworte bei, die den nach dem Autoren-Alphabet geordneten Zitatenschatz erschließen. Die drei Autoren Therese Aigner, Barbara Mauritsch-Bein und Werner Petermandl haben sich nicht auf die Suche nach Fundstellen samt Übersetzung beschränkt, sondern sie auch kommentiert. Ein Beispiel zum Stichwort „Anlaß“: „Anlässe zu Wettkämpfen boten die verschiedensten periodischen oder einmaligen agonistischen Veranstaltungen. Zum Teil wurden nur Läufe abgehalten, zum Teil gehörten sie zu einem umfangreicheren athletischen Programm.“ Solche Wettkämpfe (Agone) sind insbesondere von Totenfeiern bekannt. Ein ganzes Dutzend antiker Autoren hat sie erwähnt. Die Dissertation darüber ist, wie man dem Band entnehmen kann, bereits geschrieben.

Weniger bekannt sind Braut- oder Hochzeitsagone. Wer hätte gedacht, daß die Trauungen während eines Laufs, zum Beispiel in New York, aber im Jahr 2001 auch beim Heilbronner Trollinger-Marathon, an die Antike anknüpfen können! Allerdings, bei dem Wettlauf, den Atalante mit ihren Freiern veranstaltete, würden die Männer heute nicht mehr mitspielen, denn Atalante pflegte die ihr Unterlegenen umbringen zu lassen. Ovid – auf lateinisch nachzulesen – schrieb: „Es soll nur der mich besitzen, / der zuvor mich besiegt. Im Wettlauf meßt euch mit mir, und / Braut und Hochzeit werden als Preis dem Schnellen gegeben. / Tod der Langsamen Lohn. Dies sei das Gesetz unsres Wettkampfs!“ Doch vermutlich siegte nicht der Schnellste, sondern der Intelligenteste, denn Hippomedes, Sohn des Neptunus, warf, nachdem Atalante ihn schon überholt hatte, dreimal jeweils einen goldenen Apfel in die Laufbahn Atalantes. Und diese – war sie eigentlich blond? – bückte sich jedesmal und verlor die entscheidenden Sekunden. Ovid, eine Art Oswalt Kolle der Antike („Ars amatori“!), beschrieb auch den Reiz der schnellen Läuferin: „Wenn dem boeotischen Jüngling (Hippomedes) auch dünkte (tut mir leid, die Übersetzung von E. Rösch enthält nun einmal diesen Kasusfehler), sie jage dahin so / schnell wie ein scythischer Pfeil, so bewundert er ihren Reiz noch mehr, und gerade der Lauf verlieh besonderen Reiz ihr. /... Und der marmorne Leib des Mädchens hatte mit zartem / Rot sich getönt, wie wenn über weiß erschimmernder Halle / purpurne Tücher gespannt eine künstliche Schattung ihr geben. / Während der Gast es beschaut, erreicht sie die Säulen am Ziele“. Wenn wir denn lesen, die Schönheitskünstlerin Verona Feldbusch habe am Start des Berlin-Marathons neben dem Regierenden Bürgermeister gelangweilt dreingeblickt, weil keiner der Läufer sie beachtet habe, können wir nach Lektüre Ovids keinen besseren Rat geben als: Laufen hätte sie sollen. Frauen durften zwar nicht an den Olympischen und anderen Spielen der Antike teilnehmen, aber so ganz unsportlich waren sie nicht. „Von allen von Frauen betriebenen sportlichen Betätigungen ist der Lauf am besten nachzuweisen. Allerdings behandeln fast alle Stellen die Aktivitäten von Mädchen bzw. unverheirateten Frauen.“ Wobei sich die Gelehrten noch nicht einig sind, ob die weibliche sportliche Aktivität etabliert oder bloß eine Ausnahmeerscheinung war. „Die antiken Texte belegen Läufe von Frauen bzw. Mädchen im Rahmen körperlicher Ertüchtigung ebenso wie Wettläufe vor Zuschauern. Gelegentlich wird dabei die kultische Einbindung deutlich.“ Es versteht sich, daß sich insbesondere die spartanischen Mädchen getreu der Anweisung des Lykurg auch im Laufen übten. Allerdings ist auch schon damals Laufen als Mittel zur körperlichen Ertüchtigung von Frauen abgelehnt worden (Clemens von Alexandrien). „Die bildlichen Darstellungen zeigen sowohl bekleidete – meist mit kurzem Gewand – als auch nackte Läuferinnen... Für beide Möglichkeiten finden sich auch Belege in den literarischen Quellen... Die Interpretation beider Varianten ist... an den jeweiligen Anlaß der Läufe gebunden. So wird etwa die von Pausanias ... beschriebene Kleidung der Läuferinnen bei den Heraia (den weiblichen Festspielen zu Ehren der Hera), genauso wie die auf Vasen abgebildete Nacktheit der laufenden Mädchen der Arkteia mit der Einbindung der Läufe in Initiationsriten erklärt.“ 

Aus drei Anlässen speiste sich der antike Lauf: Kultische Läufe spielten eine große Rolle. Laufen war eine Kriegstechnik. Zur Nachrichtenübermittlung brauchte man Botenläufer. Einer von ihnen, ein hemerodromos (Tagesläufer), war Pheidippides oder Philippides, der nach Herodot, später auch nach Lukian, Plinius d. Ä., Plutarch, Pollux und dem Byzantiner Suda 490 v. Chr. von Athen nach Sparta lief, um die Spartaner zum Beistand gegen die Perser aufzufordern. Auf den Spuren des Pheidippides findet am letzten September-Wochenende der Spartathlon statt, ein Wettbewerb über 246 Kilometer innerhalb von 36 Stunden.

In der Antike gab es noch andere bemerkenswerte Langlaufleistungen. Euchidas soll an einem Tage von Plataiai nach Delphi und zurück gelaufen sein, um das heilige Feuer zu holen. Plutarch ist dazu nichts anderes eingefallen, als auch diesen Läufer entseelt zu Boden sinken zu lassen, immerhin jedoch erst nach 180 und nicht schon wie den Marathon-Boten nach lächerlichen 40 Kilometern. Bei Pausanius sterben Läufer ebenfalls, unter anderem der Dolichos-Sieger Ladas, der alsbald nach einem Sieg tödlich erkrankte – möglicherweise ein Hinweis auf eine unentdeckte Infektion. Philonides, ein Läufer Alexanders des Großen, soll den 1300 Stadien langen Weg (das können über 200 km gewesen sein) von Sikyon nach Elis an einem Tage bewältigt haben.

Erscheinungen des Laufsports heute waren den Alten nicht fremd: Mit dem Startfieber vergleicht Plutarch das Herzklopfen in einer Gefahrensituation. Das Publikum, mit dem sich eine ganze Anzahl antiker Autoren befaßte, schwankte zwischen Anfeuerung und Übergriffen auf Fackelläufer. Libanios, ein Rhetor des 4. Jh. n. Chr., nahm das Erscheinungsbild von City-Marathons vorweg: „Eine Gewohnheit ist es aber, glaube ich, für diejenigen, die Wettkämpfe und Laufdisziplinen ausüben, daß sie, wenn sie die lärmenden Zuschauer hören, mit aller Kraft auf Schnelligkeit hinzielen.“ Laufkriminalität gab es ebenfalls schon: Im Gedränge vor einem Wendepfosten versuchten Läufer, bereits vor dem Pfosten umzukehren. Auch das wird von der antiken Literatur festgehalten, wie die Autoren der Dokumentation entdeckt haben. Gegen Geld wechselte einer wie Dikon (bei Pausanius) auch schon mal die Nationalität.

Da sage noch einer, humanistische Bildung sei realitätsfern. 

W. S.

Therese Aigner, Barbara Mauritsch-Bein und Werner Petermandl: „Laufen. Texte, Übersetzungen, Kommentar“. Band 7 der Quellendokumentation zur Gymnastik und Agonistik im Altertum, hrsg. von Ingomar Weiler. Böhlau Verlag Wien, 2002, 583 S., Br., 85,00 Euro. ISBN 3-205-99116-8


Die Seele läuft mit

Wer mit dem Laufen beginnt, entdeckt über kurz oder lang die psychische Dimension dabei. Wie man sie wahrnimmt, hängt von der geistig-seelischen Orientierung ab. Man kann sie rational als Psychoanalyse interpretieren oder als Psychohygiene, als scheinbar ungeordnete Folge von Assoziationen oder als Fokussierung auf ein Problem. Für gläubige Menschen kann sie ein „Körpergebet“ bedeuten. 

Einen solchen Vergleich hätten die christlichen Kirchen ebenso wie die jüdische Orthodoxie, die sich ja mit der Bejahung der Leiblichkeit schwergetan haben, vor einem halben Jahrhundert als Blasphemie bezeichnet. Doch selbst bei denjenigen, die ihr ganzes Leben in mönchischer Zucht dem Glauben geweiht haben, hat die Weltoffenheit zugenommen. Vielleicht aber auch hat sich die Teilhabe an der Welt nur gewandelt. Mönche haben von jeher das Feld bestellt, den Kräutergarten ohnehin, Bier gebraut, Likör destilliert oder ein anderes Handwerk betrieben. Nonnen haben, während die höheren Töchter noch auf ihre „gute Partie“ warteten, hingebungsvoll soziale Berufe ausgeübt. Und heute? Vielleicht macht beim Swiss Alpine Marathon wieder ein Weihbischof mit, und wir werden uns im Hotelbad in der Badehose begegnen. Die Formulierung Laufen als Körpergebet stammt von einem Benediktiner, dem Frater Michael Bauer. Er hat seine Gedanken über eine „meditative Laufschule“ in einem Buch niedergelegt: „Die Seele läuft mit“. Das wußten wir zwar längst, aber wir haben es nur anders ausgedrückt. Vielleicht auch haben wir allzu sehr im Laufen das Training gesehen, die zielgerichtete Anpassung des Körpers an eine höhere Belastungsstufe. Doch Laufen kann mehr als nur Training sein. 

Frater Bauer aus St. Paul in Kärnten, der erst mit dreißig Jahren ins Kloster ging, hat versucht, Laufen und spirituelle Praxis zu verbinden. Solche Versuche hat es schon gegeben: Von „Zen of Running“ (Fred Rohé, 1974) und „Zen Running“ (Leo Diporta) über „Glück des Laufens“ (von dem Psychotherapeuten Dr. Hans Hartkopf) über „Nach innen laufen“ (von dem Salzburger Psychologen Dr. Reinhold Dietrich, 1986) bis zu „Meditatives Laufen“ (von dem Sportpädagogik-Professor Wolfram Schleske, 1988) und „Meditation und Laufen“ (von Klaus Richter, 1996). Bei Bauer nun finden wir den ecclesiogenen Aspekt. Und siehe da, Laufen erfüllt im Grunde genommen ein mönchisches Prinzip: „Ora et labora führt die Spiritualität aus dem geschützten Raum der Innerlichkeit in die offene Welt hinaus. Denn was nützt eine Spiritualität, die im geschlossenen Rahmen kurzfristig euphorische Gefühle erzeugt, aber wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, sobald auch nur ein kleines Lüftchen weht.“ 

Frater Bauer verwendet viel Mühe darauf zu erklären, was Spiritualität ist und wie sie sich darstellt. Und ihm ist recht zu geben, wenn er schreibt: „Der Hunger nach spirituellen Werten, die in einer reizüberfluteten Zeit Orientierung verschaffen, ist heute so groß wie nie zuvor.“
Wer eines der üblichen Laufsachbücher erwartet hatte, den wird’s verdrießen. Erst nach einem Drittel des konzisen Buches, wenn vielleicht schon der Verdacht aufgetaucht ist, es handle sich um ein Erbauungsbuch, kommt der Autor zur Praxis. Michael Bauer gelingt es, die Leser in ihrer Lebenswelt abzuholen, sogar mich, der ich längst keiner Kirche mehr angehöre, sie in einer zupackenden, bildreichen Sprache ohne Salbaderei anzusprechen und nachdenklich zu machen. Dabei schöpft er aus einem anscheinend beträchtlichen Wissen auch über asiatische Versenkungstechniken. Die laufenden Mönche in Tibet waren mir nicht bekannt, und von der Antirrhetischen Kunst, nämlich die eigenen Schatten zu transformieren, habe ich bei ihm zum erstenmal gehört. Sein Ansatz: „Mit dem meditativen Laufen haben wir also das missing link gefunden, das Kettenglied, das Spiritualität und Alltag miteinander verbindet, wie es die Spiritualität des Ora und Labora, des Yin und Yang beabsichtigt.“ 

Im praktischen Teil werden Läufer den Läufer erkennen. In einem lauen Sommerregen das Hemd auszuziehen, das habe selbst ich noch nicht fertig gebracht. Gewiß wird sich auch Widerspruch regen, wenn der Autor beim spirituellen Laufen die Nasenatmung voraussetzt. Wenige werden ihm da folgen können, weil die meisten von uns wettbewerbs- oder zumindest leistungsorientiert laufen und wir dazu ein möglichst großes Luftvolumen schöpfen wollen, egal wie. Doch wenigstens reflektieren sollten wir darüber. Auch Atemtherapeuten beharren auf der Nasenatmung. Und was ist mit der chronischen Bronchitis im Alter, unter der auch ich leide? Ich werde mich wahrscheinlich nicht umstellen, und wie man einen Marathon mit Nasenatmung läuft, müßte der Autor noch beweisen. Doch ohne Diskussion keine Erkenntnis. Die „Bewegung aus dem Hara“ (worunter Japaner den Unterbauch verstehen) ist im Grunde nur ein anderes, ursprünglicheres Bild für einen runden Stil. „Herzensgebet“, Chakrenlauf, biblische Weisheitssprüche - bei Frater Bauer verbinden sich Elemente unterschiedlicher Kulturen zu einem harmonischen „Lebens-Lauf“. 

Ich habe den Band mit Gewinn gelesen. Wenn man berücksichtigt, daß Rezensenten häufig nur diagonal lesen und in einer Stunde mit Hilfe des Waschzettels drei Bücher abfertigen - soweit kenne ich meine Kollegen -, ich hingegen das allerdings nicht umfangreiche Buch zweimal vollständig gelesen habe, so ist damit das Werturteil zur Genüge ausgedrückt.

W. S.

Frater Michael Bauer: Die Seele läuft mit. Die meditative Laufschule für Fitneß und innere Harmonie. Geb., 186 S., Integral Verlag, 2007. 14,95 Euro. ISBN 978-3-7787-9174-5


Bildbände zum Hundert-Jahr-Jubiläum der Leichtathletik

Vom 3. bis zum 5. Juli 1998 wird in Berlin das Jubiläum Hundert Jahre Leichtathletik in Deutschland gefeiert, ein relativ willkürliches Jubiläumsdatum. Denn, wie man spätestens seit den ersten Olympischen Spielen 1896 weiß, hat es auch vorher schon Leichtathleten in Deutschland gegeben. Doch 1898 ist sowohl die Deutsche Sportbehörde für Athletik, die der Deutsche Leichtathletik-Verband als ihren Vorgänger ansieht, gegründet als auch der erste Marathon in Deutschland, bei Leipzig, veranstaltet worden. Aus diesem Grunde seien zwei Bildbände vorgestellt, die historische Entwicklungen illustrieren.

Sie beschränken sich jedoch nicht auf nostalgische Bilder, sondern sind auch textlich ernstzunehmende Darstellungen. Im ersten Fall, Leichtathletik in historischen Bilddokumenten, bürgt dafür der Sporthistoriker Professor Hajo Bernett. Der Inhalt ist nach verschiedenen Aspekten klar gegliedert. Laufen und Gehen bilden ein eigenes Unterkapitel. Ein einschlägiges Foto zeigt das Feld der Deutschen Marathon-Meisterschaft 1913 im damals neuen Deutschen Stadion in Berlin. Ein Blick auf das 1500 Teilnehmer starke Feld des Marathonlaufs 1912 in New York nimmt bereits das spätere Bild der City-Läufe vorweg. Wettgehen war um die Jahrhundertwende eine beliebte Disziplin. Von 1905 bis 1912 wurde auch eine Deutsche Meisterschaft im 100-km-Gehen ausgetragen. 1909 wurde, wie eine Bildunterschrift besagt, Wilhelm Schmidt vom 1. FC Nürnberg Sieger, und seine Berliner Konkurrenten tragen ihn ehrend von der Bahn. Interessant auch das Kapitel über Frauen in der Leichtathletik. Der Mißbrauch des Sports zur Wehrertüchtigung wird nicht ausgespart. Den Grundstock der Auswahl von etwa 300 Fotografien bildeten die ältesten Sportzeitschriften und Jahrbücher.

Eine Gegenkultur zum bürgerlichen Turn- und Sportvereinswesen stellt der Arbeitersport dar, in dessen Vereinen sich immerhin 1,2 Millionen Deutsche organisiert hatten. Viele heute bekannte Vereine waren vor 1933 Arbeitersportvereine. In dem von Teichler und Hauk herausgegebenen Buch mit etwa 320 Illustrationen behandeln Spezialisten, darunter auch wieder Hajo Bernett, verschiedene soziale, politische und sportliche Aspekte des Arbeitersports, der in der Bundesrepublik lange Jahre nicht recht gewürdigt worden ist. - Als ich damals - es war ja noch vor der Wende, und in der DDR knüpfte man selbstverständlich an die Tradition des Arbeitersports an - das Buch positiv besprochen hatte, erhielt ich prompt von einem Laufkameraden, dem die ganze Richtung nicht paßte, eine verbale Ohrfeige. Daran ist zu sehen, wie sehr Ideologien bis in die Gegenwart nachwirken. Dabei sollten wir nüchtern die gesellschaftlichen Bedingungen sehen, die zu dieser Zweigleisigkeit des deutschen Sports führten. Das bewahrt uns davor, sportpolitische Strukturen mit Scheuklappen oder mit idealisierender Brille zu betrachten.

Eine grundsätzliche Anmerkung, anknüpfend an die beiden über zehn Jahre alten Bücher: Mancher interessante Titel ist nicht mehr erhältlich. Dennoch kann man antiquarisch manche “Trouvaille” (so nennen Sammler ihre Funde) machen. Ich bin mehrfach fündig geworden beim Agon-Verlag - neuer Name: Agon Sportartikel Vertriebs GmbH - , der zwar in der eigenen verlegerischen Arbeit den Fußball bevorzugt, jedoch antiquarisch immer wieder auch Leichtathletik-Bände anbietet. Auf diese Weise bin ich zum Beispiel an eine Erzählung von Carl Diem, “Der Läufer”, gekommen und an eine Schrift über den Staffellauf Potsdam - Berlin. Aufs Geld darf man dabei nicht schauen.

W. S. 

Hajo Bernett: Leichtathletik in historischen Bilddokumenten. Herausgeber: Deutscher Leichtathletik-Verband, Copress, 1986, 208 S., ill. ISBN 978-3767902510
Hans Joachim Teichler und Gerhard Hauk (Hrsg.): Illustrierte Geschichte des Arbeitersports. J.H.W. Dietz Nachf. , 1987, 256 S., ill. ISBN 978-3801201272

Geschichte der olympischen  Fackelläufe

Monographien haben es an sich, daß sie, wenn sie ganz speziell sind oder vom IOC finanziert sind, auf Englisch erscheinen müssen, auch wenn der Autor, wie hier Walter Borgers, Mitarbeiter der Sporthochschule Köln ist. Für ein deutsches Original hat es dem NOK nicht gereicht. Der “mainstream” der von den “Achtundsechzigern” nun erreichten Medien und der von ihnen beeinflußten Leser will es, daß die Olympischen Spiele 1936 in Berlin eine “Nazi-Olympiade” waren. Infolgedessen muß auch der von Carl Diem initiierte Fackellauf von Olympia zum Ort der Spiele suspekt sein, wobei merkwürdig dünkt, daß man von einem in der Nazizeit eingeführten Brauch bis zum heutigen Tage nicht lassen mag. 

Walter Borgers macht deutlich, daß Carl Diem den Fackellauf nicht “erfunden” hat. Der Band dokumentiert alle Fackelläufe zu den Olympischen Spielen von 1936 bis 1994. Ist das ein Thema? Für Spezialisten und damit Historiker schon. Daß die Fackel auch im Wasser übergeben worden ist, daß Krupp-Stahl (da war doch was?) der Olympia-Fackel nutzte, Mercedes ein Auto mit Höcker für den Transport parat hatte, sie auf Wasserski ebenso wie im Flugzeug und auf dem Fahrrad befördert wurde und selbst ein Pferd 1956 in Stockholm nicht vor der Flamme scheute, daß Ski- und Eisläufer sich an der heiligen Flamme wärmten, das alles erfährt man aus diesem Band. Was uns verwundert: Das Fachorgan “Die Fackel” von Karl Kraus ist nicht erwähnt. Es muß an Kraus gelegen haben. 

W. S.

Walter Borgers: Olympic Torch Relays (Olympische Fackelläufe). Herausgegeben vom Carl und Liselott Diem-Archiv der Sporthochschule Köln. Agon-Sportverlag 1996. 200 S., zahlreiche Illustrationen, Etwa 35 Euro. 978-3928562294

Vitale Läuferküche

Ist der Funke übergesprungen? Andreas und Gisela Butz legen einen Band vor, „Vitale Läuferküche“, der Läuferinnen und Läufern die Grundsätze vollwertiger Ernährung theoretisch und praktisch näherbringen will. Man kann auf die Resonanz der Zielgruppe gespannt sein.
Die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Andreas Butz, der Autor des theoretischen Teils, holt die Leser dort ab, wo die Masse der Sportler steht, etwa am Currywurst-Stand sich beklagend, daß es bei der jüngsten Laufveranstaltung keine Cola gegeben habe. In einfachen Worten und mit einer klaren Gliederung führt der Autor von der realen Ernährungssituation der meisten Sportler hin zum Wünschenswerten, einer vollwertigen Ernährung. Die Kapitel-Überschriften markieren die gedanklichen Schritte: Sport und Ernährung heute, Vollwertige Ernährung - so wirkt sie, Vollwertige Ernährung - das ist drin, Die Vitale Läuferkost, Vitale Rezepte für den Läufer.

Der Verlag, in dem pikanterweise zu gleicher Zeit auch Udo Pollmers „Wer gesund ißt, stirbt früher“ erschienen ist, hat eine opulente Bildausstattung beigesteuert, deren Auswahl mir allerdings ziemlich zufällig vorkommt. Eine Getreidemühle, die am Anfang jeder ernstgemeinten Umstellung steht, ist ebensowenig zu finden wie etwa das vorbildliche Vollwertbüfett eines Bio-Hotels (Kneipps falsches Todesjahr hätte auch jemandem auffallen können). 

Der Versuch, Sport und vollwertige Ernährung zu verklammern, zieht sich durch einige Jahrzehnte. In den sechziger Jahren waren die Pioniere des Laufens ernährungsbewußter als die Masse der Leistungsläufer heute. Damals, gewissermaßen in der vorwissenschaftlichen Zeit vollwertiger Ernährung, war es Arne Waerland, dem prominente Ausdauerläufer in ihren Ernährungsgewohnheiten folgten. Dr. Ralph Bircher, ein Sohn Bircher-Benners, setzt sich in seinem Band von 1980, „Höchstleistungskost für Sport, Berg, Eis, Wüste und Dschungel“, mit der üblichen Zivilisationskost auseinander und stellt Leistungssportler vor, die über ihre Ernährung nachgedacht haben. Eine große Rolle spielt dabei der Vegetarismus, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts das Ernährungsbewußtsein mancher Ausdauersportler bestimmte. Günther Stolzenberg, den nur wenige noch kennen, schrieb 1985 „Die gesunde Kost für Sport und Rekord. Die Grundlagen der Vollwert-Ernährung“. 1981 hatte Professor Klaus Jung mit dem Deutschlandlauf begonnen, Material über die Wirkungen vollwertiger Ernährung auf hohe Ausdauerleistungen zu sammeln. Seine Untersuchung ist unter dem unverfänglichen Titel „Sport und Ernährung“ erschienen. Damals, als Deutschlandläufer, verinnerlichte ich jene Grundsätze vollwertiger Ernährung, die Dr. Max-Otto Bruker viele Jahre zuvor in leicht faßbare Form gebracht hat. In „Mehr als Marathon“ (1985) habe ich versucht, meine Erkenntnis auf diesem Gebiet weiterzugeben - wahrscheinlich ohne Erfolg. Im Jahr 2004 erschien dann im emu-Verlag der von Bruker 1978 gegründeten Gesellschaft für Gesundheitsberatung der Band „Sport und Vollwerternährung“. Ich fürchte, daß auch dieses Buch nur diejenigen erreicht hat, die ohnehin schon auf dem Weg gewesen sind. Die GGB hat inzwischen etwa 5000 Gesundheitsberater ausgebildet, und darunter ist, versteht sich, auch eine Anzahl Sportler. Doch die Masse der Sporttreibenden unterscheidet nach wie vor nicht zwischen Lebens- und Nahrungsmitteln. Bezeichnend mag sein, daß unser Titel in keiner einzigen Läuferzeitschrift auch nur erwähnt worden ist. Wie wird es diesem Buch in der Fachpresse ergehen?

Da es mir als Mitautor von „Sport und Vollwerternährung“ um die Zielgruppe Läufer geht, begrüße ich jeden weiteren Versuch, wie eben auch die „Vitale Läuferküche“. Andreas Butz macht keinen Hehl daraus, daß auch er dem Mainstream erlegen war und in seinem Laufcampus-Shop vor noch gar nicht so langer Zeit selbst Nahrungsergänzungsmittel und Büchsen voller denaturiertem Eiweiß verkauft hat. Man weiß, im Himmel herrscht eitel Freude über jeden, der sich vom Saulus zum Paulus gewandelt hat. Er ist ja nicht der einzige, der Durchblick gewonnen hat. Einer der größten Unternehmer auf dem Bio-Markt war zuvor Angestellter einer Raiffeisen-Genossenschaft gewesen, die alles förderte, den Absatz von Kunstdünger wie von manipuliertem Saatgut, nur nicht den ökologischen Landbau.
Dennoch, auch wenn man einen Bundesgenossen gewonnen hat, trübt das nicht den kritischen Blick. Ich verstehe nicht, weshalb eine Läuferküche vital sein soll. Gemeint ist ja doch: Vitalstoffreich. Da dies (noch) kein wissenschaftlicher Begriff ist, erhebt sich der Verdacht, daß jemand Angst hat, der Autor oder der Verlag. Angst darf man auf diesem Gebiet nicht haben. Bruker wurde einer breiten Öffentlichkeit zunächst durch die gegen ihn angestrengten Prozesse der Zuckerindustrie bekannt. Vital sind Läufer, Nahrung sollte vitalstoffreich sein. Oder soll hier mit Gewalt ein neues kommerzielles Konstrukt vermarktet werden? Eine Begriffszersplitterung wäre nicht hilfreich. Wo kämen wir hin, wenn die Tausende von Gesundheitsberatern, in der Mehrzahl weiblich, ihre eigenen Rezeptsammlungen mit beliebigen Titeln belegten, die keinen Zusammenhang mit Vollwertkost erkennen ließen! 

Ebenso fällt mir die Scheu vor dem Begriff „Frischkornbrei“ auf. Andreas Butz spricht generell vom Müsli. Das mag historisch richtig sein, weil es auf den Schweizer Dr. Bircher-Benner zurückgeht. Doch Dr. Bruker hat sich auch bei seiner Wortfindung „Frischkornbrei“ etwas gedacht. Die Nahrungsmittelindustrie hatte das populär gewordene Müsli kurzerhand usurpiert, die hocherhitzten, gezuckerten Frühstücksflocken als Müsli ausgegeben und damit Bircher-Benners Bezeichnung mißbraucht. Davon wollte sich Bruker mit dem Brei aus keimfähigen Getreide begrifflich absetzen. Auch wenn das Wort Frischkornbrei altväterisch klingen sollte, - es hat seinen Sinn. Wer für Vollwerternährung wirbt, sollte nicht weiter das Täuschungsgeschäft der Nahrungsmittelindustrie besorgen. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort Fabrikzucker; Bruker wollte damit jede Verwechslung mit Fruchtzucker unmöglich machen. Unter Industriezucker hingegen verstehen Fachleute den Fabrikzucker, der in der Nahrungsmittel-Industrie verwendet wird. 

Zu Recht weist Butz auf Brukers Ansicht hin, daß kein Lebewesen die Milch eines anderen Lebenswesens trinke - ausgenommen der Mensch. Es ist ein Mißverständnis, daß damit auch Milcherzeugnisse in der Vollwerternährung tabu seien. Bruker war kein Dogmatiker, er hat sehr rational argumentiert. Bei der Ablehnung der Milch stand ihm, dem Mediziner, die weitverbreitete Laktose-Intoleranz vor Augen. Butter und Sahne hingegen bedeuteten ihm wie schon Kollath natürliche Lebensmittel; die gesättigten Fettsäuren in der Butter, die in einem ausgewogenen Verhältnis zu den ungesättigten stehen, sind ja nur dann des Teufels, wenn man sich nicht vollwertig und das bedeutet: unausgewogen ernährt. Butz hingegen, der ja durchaus auch auf Werner Kollaths „Die Ordnung unserer Nahrung“ hinweist, wo Butter und Sahne ihren Platz unter den Lebensmitteln haben, will sie aus dem Speiseplan verbannen. Ob er bei seiner Quellenforschung allzu sehr auf den UGB, den Verband Unabhängiger Gesundheitsberater, vertraut hat? Dort nämlich zählt Pflanzenmargarine zur Vollwerternährung. Dazu muß man wissen: Die UGB sind eine spätere Abspaltung der GGB, mitgegründet von Professor Klaus Leitzmann, einem Ernährungswissenschaftler, der sich erst bei Dr. Bruker und seinen Mitarbeitern über Vollwerternährung kundig gemacht und sich über deren universitäre Anbindung profiliert hat. Doch statt die in jahrzehntelanger klinischer Praxis erprobten Grundsätze Brukers uneingeschränkt zu übernehmen, hat er sie verwässert. Das bedeutet nicht, daß nun sämtliche Erkenntnisse, die von den UGB verbreitet werden, falsch wären; doch sie sind nicht das Original. Das nämlich ist so konsequent, daß man es von der Grundlage her nicht verbessern kann. Als Autor muß man seine Quellen gewichten. 

Die Empfehlung, bei einer Mahlzeit Rohkost zuerst zu essen, sollte man begründen, nämlich mit der Verdauungsleukozytose, die bei gekochter Nahrung auftritt. Einerseits ist Andreas Butz großzügig und gesteht seinen Lesern einzelne Ernährungssünden zu; andererseits erblickt er beim Genuß von Bier und Wein gleich den Alkohol-Abusus. Ich darf bekennen, daß wir in Lahnstein am Rhein mit Dr. Bruker auf den Abschluß unserer Gesundheitsberater-Ausbildung mit einem trockenen Weißwein angestoßen haben. Einerseits empfiehlt Butz: Meiden Sie Fleisch, Fisch und Erzeugnisse daraus, andererseits sind unter den Rezepten eines mit Lammfilets und eines mit Fisch. Man muß zwar als Vollwertköstler nicht Vegetarier sein, aber da gekochtes oder gebratenes Fleisch nicht vollwertig ist, haben solche Rezepte in einem Buch über Vollwerternährung absolut nichts zu suchen, ebensowenig wie Sojatrunk und Maiskörner aus der Dose; schließlich sollen die Vollwertrezepte in einem Einführungsbuch ja exemplarischen Charakter haben. Von den 66 Rezepten sind nur 13 warme Mahlzeiten; das könnte zu Mißverständnissen führen. Zwar rangiert Frischkost ganz vorn, aber Vollwertkost besteht nicht nur aus Rohkost. Einerseits lehnt der Autor Milcherzeugnisse ab, andererseits erscheinen ihm Kartoffeln und Quark als geeignet für den Tag vor einem Wettkampf. Daß Teigwaren des Läufers liebste Speise sind, wie uns Andreas Butz weismachen will, ist bloßer Aberglaube, der sich erst mit der Übernahme des City-Marathons aus den USA in Deutschland verbreitet hat. Man bekommt leider bei den Abspeisungen am Abend vor dem Wettkampf nichts anderes. Gemüseeintopf wie einmal beim München-Marathon ist zu teuer. Charly Doll jedenfalls, der als Küchenchef einiges von gutem Essen versteht, mag wie ich auch diese ewigen, totgekochten Teigwaren nicht, auch wenn sie durch die Bezeichnung „Pasta“ folkloristische Weihe erhalten haben, und Herbert Steffny hat uns beigepflichtet. Mit der Empfehlung, Vollkornbrot nur gelegentlich zu essen, setzt sich Butz in Gegensatz zu einer der vier Brukerschen Ernährungsregeln. Der erwähnte, von Rennsteigläufern gelobte Haferschleim ist leider nicht mehr vollwertig, er wird seit Jahren aus abgepackter denaturierter Säuglingsnahrung bereitet. 

Den Mangel an Information darüber, wie man sich als Vollwertköstler während eines Marathons oder Ultramarathons verpflegt, kann man Andreas Butz nicht ankreiden; es gibt einfach noch zu wenig Erfahrungen. Die wenigen aber sollte man mitteilen; Andreas Butz hat ja unter anderem auch einen Triathlon als Vollwertköstler bestritten. Noch immer suche ich nach einer vollwertigen Kohlenhydratzufuhr, die an die Stelle der üblichen Präparate treten könnte. Das Rezept einer Gesundheitsberaterin, das so ähnlich auch von den UGB als „Kraftkugeln“ empfohlen wird, ist für Ultraläufer nicht so recht praktikabel, es sei denn ein Coach verabreicht einem die Vollwertkugeln aus einer Kühlbox. Es bleibt uns daher nichts anderes übrig, als die Frage der Wettkampfverpflegung auf langen Strecken pragmatisch und leider häufig nicht vollwertig zu lösen. Widersprechen möchte ich jedoch der Ansicht, die in der „Vitalen Läuferküche“ vertreten wird, Sportgetränke seien „aber erst ab Laufdistanzen jenseits der Halbmarathonmarke notwendig“. Sicher, wir haben beim Marathon und erst recht beim Ultramarathon danach gegriffen, aber notwendig sind sie nicht. 

Diese Auseinandersetzung zeigt, welch weites Feld noch zu beackern ist. Auch die irritierenden Abweichungen von dem Konzept der Vollwerternährung, das Dr. Bruker auf der Basis von Bircher-Benner und Kollath geschaffen hat, mindern nicht den Wert der grundlegenden Aussage in diesem Buch. Wer durch Andreas und Gisela Butz angeregt wird, sich mit Vollwerternährung zu beschäftigen, wird ohnehin nicht umhin können, Primärliteratur zu lesen. So einfach die Grundsätze vollwertiger Ernährung auch sind, - die Feinheiten der Umsetzung erfordern einen langen Lernprozeß. Ihn bei vielen Sportlern in Gang zu setzen, wünscht man diesem Buch. 

W. S.

Andreas Butz und Gisela Butz: Vitale Läuferküche. BLV 2009, 16,7 x 22 cm, Broschur, 127 S. mit 86 Ill., 14,95 Euro. ISBN 978-3-8354-0509-7

Ein frühes Buch über Marathon-Leistungen

Buchbesprechungen sind ja keine verkappte Werbung, sondern in allererster Linie Information. Nach einem Buch in einer Bibliothek zu suchen, gelingt nur, wenn man weiß, daß es ein solches Buch gibt. Daher nun ein Buch, das längst vergriffen ist.. Der Anlaß ist ganz simpel: Ich entdeckte es im Katalog eines Sportantiquariats, und dieser Tage traf es ein. Das Besondere ist, daß „Marathon“ schlicht für „Ausdauer“ steht. Der New York Marathon als erster City-Marathon stand ganz am Anfang und kommt daher in diesem Buch noch gar nicht vor. Spektakuläre Ausdauerleistungen werden auch in anderen Sportarten vollbracht. Die Geschichte bemerkenswerter Langstreckenläufe und ihrer Heroen bildet daher nur den einen Teil des Bandes. Die beiden anderen sind dem Schwimmen und dem Radfahren gewidmet; wenn man so will, ist thematisch also der Triathlon vorweggenommen.

Obwohl ich den englischsprachigen Band erst angelesen habe, sind mir doch Entdeckungen aufgefallen. Den Spartathlon gab es noch längst nicht, doch der Lauf des Boten von Athen nach Sparta ist erwähnt, ebenso die Läufe der Tarahumaras. Über das Bunion Derby lesen wir, jenen Lauf über 3422 Meilen im Jahr 1927, den 55 von 199 beendeten. Ein Kapitel ist den Sololäufern der jüngeren Geschichte gewidmet, Bill Emmerton, der im Alter von 49 Jahren von Houston/Texas nach Cape Kennedy/Florida über 1000 Meilen lief und, unter anderem mit seinem Lauf durch das Death Valley, ins Guinness Book of World Records einging. Als grandioses Ereignis wird der Boston Marathon dargestellt, man bedenke, Ellbogen an Ellbogen starteten da nicht weniger als 1705 Läufer und bewegten sich durch ein Spalier von 250 000 Zuschauern. Sehr erfreulich, daß in einem Buch aus dem Jahr 1977 wenigstens auf 3 Seiten schon die laufenden Frauen abgehandelt werden, dabei die Bildsequenz mit Kathy Switzer und Jock Semple. Bemerkenswert, daß dieses Buch über Ausdauerleistungen von einer Autorin, Gail Campbell, einer Marathonläuferin, versteht sich, geschrieben worden ist. Bergmarathons kommen bereits vor. Der Marathonteil endet mit Frank Shorter.

Für Triathleten geradezu eine Pflichtlektüre ist der Teil über das Langstreckenschwimmen, spektakulär die Kanaldurchquerung durch Gertrude Ederle. Das jüngste Ereignis des Buches ist der Weltrekord durch Benson Huggard über 173 Meilen. Die Radfahrer kommen dann kürzer weg, es war die Zeit von Jacques Anquetil, Rudi Altig und Eddy Merckx . Wie rasch Leistungen Geschichte werden! Es ist äußerst reizvoll, in einem solchen älteren Sportbuch zu blättern. Eine persönliche Bemerkung: Genau diese Idee des Titelbildes, nämlich den Buchtitel in ein Starttransparent zu kopieren, habe ich ebenfalls gehabt. Es ist eben alles schon mal dagewesen.

W. S.

Gail Campbell: Marathon. The World of the Long-Distance Athlete. Sterlin Publishing Co., Inc. New York, 1977. Geb. 176 S.

100 Jahre Olympische Spiele

Die Olympischen Spiele von Atlanta sind längst vergessen; von dem Jubiläum Hundert Jahre Olympische Spiele im Jahr 1996 hätten wir nicht viel gemerkt - am wenigsten wohl in Athen selbst -, gäbe es nicht Bücher, die sich seriös mit dem Centenar-Ereignis befassen. In der Deutschen Sporthochschule Köln ist eine Ausstellung über den Ursprung der Olympischen Spiele gezeigt worden. Auch sie wäre vergessen, gäbe es nicht einen sorgfältig erarbeiteten Katalog davon, der weit mehr ist als nur ein Katalog. Es handelt sich vielmehr um eine Dokumentation der Vorgeschichte der Olympischen Spiele, die mit dem Namen des Barons de Coubertin verbunden sind. Das mögen sie bleiben, jedoch: der Baron war nur der pragmatische Vollender eines Kapitels Ideengeschichte. Sie begann mit Johann Joachim Winckelmann, der 1767 die Erlaubnis erhielt, nach Olympia zu suchen. Französische, britische, italienische und deutsche Reisende - Chandler veröffentlichte 1776 “Reisen in Griechenland” - interessierten sich für die antike Stätte der Olympischen Spiele. Ernst Curtius durfte schließlich von 1875 an danach graben.

All das, dazu das Nationalgefühl der bis 1829 von den Türken unterjochten Griechen, beförderte das Streben, die Spiele von einst wiederaufleben zu lassen. Doch das war längst geschehen. 1620 bereits gab es Olympische Spiele an der Universität Cambridge, 1727 sah sich Voltaire am Ufer der Themse Olympische Spiele an, GutsMuths bezeichnete die 1777 veranstalteten Wettkämpfe bei Wörlitz, heute Sachsen-Anhalt, als “wiedererweckte Olympische Spiele”. Und selbst die Pietisten des Grafen Zinzendorf im Jahr 1779... Rezensenten pflegen in ihren Besprechungen zum Nachweis, daß sie das Buch auch wirklich gelesen haben, Fehler anzuführen; ich folge dem Brauch und berichtige: Die Herrnhuter verstehen sich als “Brüdergemeine” ohne d, und deren Pädagogium lag in Niesky (das s ist unterschlagen). Insgesamt gab es vor den “ersten Olympischen Spielen” 1896 in Athen zwölf Olympische Spiele der Neuzeit, einige marginale nicht gerechnet.

All das dokumentiert der Band, und er tut das auch im Bild. Wer sich festliest, kommt vielleicht zu dem Eindruck, die Vorgeschichte ist noch interessanter als die so oft wiedergekäute Geschichte der Olympischen Spiele. Wolfgang Decker (von dem ich “Sport und Spiel im alten Ägypten” besonders schätze) und Karl Lennartz, den ich als Laufhistoriker schlechthin schätze, und deren griechischer Kollege Georgios Dolianitis haben einen wertvollen Beitrag zum Jubiläumsjahr geleistet.

W. S.

Wolfgang Decker/ Georgios Dolianitis/ Karl Lennartz: 100 Jahre Olympische Spiele. Der neugriechische Ursprung. Ergon-Verlag Würzburg, 1996. 152 S., zahlreiche Illustrationen, 12,00 Euro. ISBN 3-928034-99-5


Von der Krebspatientin zur Ironwoman

Obwohl ich nicht zur Zielgruppe dieses Buches zähle, habe ich es gekauft, und zwar deshalb, weil die Verfasserin eine erstaunliche, kluge und mutige Frau ist. Dr. Ruth Heidrich war 47 Jahre alt, als bei ihr ein fortgeschrittener Brustkrebs diagnostiziert wurde - drei Jahre nach Ausbruch der Krankheit, der Haupttodesursache amerikanischer Frauen dieser Altersgruppe, und ein Jahr nach der Entfernung eines golfballgroßen Tumors. Mit dieser niederschmetternden Situation, auf die nichts in ihrem erfolgreichen Leben und ihrer Familiengeschichte mit vier neunzigjährigen Großeltern hingedeutet hatte, mußte Ruth Heidrich fertig werden.

Dies ist die Startlinie zu ihrem „Race for Life“ (so der amerikanische Titel ihres Buches). Das ist wörtlich zu nehmen. Mit feinem Humor erzählt sie, ohne sich in die nicht mehr vorhandene Brust zu werfen, daß sie am Morgen des Operationstages, der eine radikale Mastektomie bringen würde, aufstand und von 4 bis 5 Uhr eine 10-Kilometer-Runde lief, indes man im Krankenhaus Kopf stand. Selbstkritisch bemerkt sie jedoch, daß eine Dehydration vor der Operation nicht gerade zu empfehlen sei.
Zu jener Zeit hatte sie beschlossen, sich eben „nicht umzudrehen und zu sterben“, sondern zu kämpfen. Zu der positiven mentalen Einstellung und ihrem vierzehnjährigen Lauftraining mit einigen Marathonläufen kam die möglicherweise entscheidende Ernährungsumstellung.

Wie in Europa war auch in den USA Ernährung als Bestandteil einer Krebstherapie oder -Nachsorge eine Sache von Außenseitern. Ziemlich zufällig gelangte sie an Dr. John McDougall, der Teilnehmerinnen für eine Studie über den Einfluß der Ernährung auf den Fortschritt der Krebsbehandlung suchte. Dr. McDougall empfiehlt sowohl präventiv als auch therapeutisch eine fettarme, rein pflanzliche Ernährung. Seine Fett-Hypothese beruht auf der Korrelation von Fettgehalt in der Nahrung und Brustkrebsrate. Man kann Ruth Heidrich gut verstehen, daß sie in ihrer Lage, wie sie zugibt, nach jedem Strohhalm gegriffen hätte. Während sie jedoch an anderer Stelle durchaus rät, „skeptisch hinsichtlich Kurven und Diagrammen“ zu sein, hinterfragt sie die Annahme von Dr. McDougall nicht im entferntesten. Bei der Tabelle über Fettgehalt und Brustkrebs, auf die sich McDougall stützt, muß doch verwundern, daß sich zum Beispiel die Länder Italien mit etwas über 80 Gramm Fettgehalt der täglichen Ernährung und Deutschland mit fast 140 Gramm deutlich unterscheiden, Italien aber mit dem Prozentsatz altersbereinigter Brustkrebs-Sterbefälle pro 100 000 Einwohner nur unbedeutend unter Deutschland liegt. Griechenland mit einer niedrigen Brustkrebs-Sterberate von etwa 7 je 100 000 Einwohner liegt im täglichen Fettverzehr um knapp 20 Prozent über der Rate von Italien. Und ob in Polen und Tschechien so sehr viel fettärmer gegessen wird als in Deutschland oder Frankreich, wage ich zu bezweifeln. In Deutschland ist durch den Ernährungspsychologen Professor Dr. Volker Pudel versucht worden, dem Grundnährstoff Fett den Schwarzen Peter für alle möglichen Schädigungen zuzuschieben. Seine Fettaugen-Kampagne in einigen Bundesländern liegt wohl nun auf dem wissenschaftlichen Schrotthaufen. In „Runner’s World“ können aufmerksame Leser von Zeit zu Zeit Änderungen der Fettbewertung in den USA wahrnehmen. Dr. Max-Otto Bruker, der den Begriff der vollwertigen Ernährung popularisiert hat, hat bereits vor Jahrzehnten die Verteufelung des Grundnährstoffs Fett abgelehnt, jedoch strikt auf die Gefahren der denaturierten Fette in den industriellen Nahrungs- und Genußmitteln hingewiesen. Von Dr. Bruker ist, da er nicht wissenschaftlich publiziert, sondern sich - zudem noch deutschsprachig - an die breite Öffentlichkeit gewandt hat, in den USA nicht Kenntnis genommen worden. Wer fettarm ißt, wie Dr. McDougall und Ruth Heidrich empfehlen, nimmt damit eben auch weniger schädliche Fette zu sich. Nur möglicherweise bleibt auch dabei das Verhältnis zwischen ungesättigten und gesättigten Fettsäuren unausgewogen.

In dieser Beziehung ist Ruth Heidrichs Darstellung ihrer Ernährungsumstellung kritisch zu lesen. Jedenfalls ließ sie sich auf Dr. McDougalls Konzept einer fettarmen, pflanzlichen Ernährung und zugleich den Verzicht auf Strahlen- und Chemotherapie ein, weil diese Therapien das Immunsystem schädigten; allein das Immunsystem könne den Krebs besiegen. In Deutschland wäre ein solcher Arzt wahrscheinlich vor Gericht gestellt worden; erinnert sei an den Krebsarzt Dr. Josef Issels und die Auseinandersetzung um Professor Julius Hackethal, die einen ähnlichen gedanklichen Ansatz hatten. In den siebziger Jahren trat die Chemikerin Dr. Johanna Budwig im Schwarzwald mit einer Krebs-Diät von ungesättigten Fettsäuren in Erscheinung, die auch jetzt noch weitergeführt wird. Typisch für die amerikanische Medizin ist, daß Erkenntnisse gnadenlos kommerzialisiert werden. Dr. McDougall macht da keine Ausnahme, wie man seinem Internet-Auftritt entnehmen kann.

Doch in Ruth Heidrichs Buch ist keineswegs der verlängerte Arm des Ernährungsspezialisten zu vermuten, es ist von vorn bis hinten ihr eigenes Buch, nämlich die mitreißende Geschichte einer intelligenten Frau, die mutig die Herausforderung annimmt, ihr scheinbar unausweichliches Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. An der Talsohle ihrer Befindlichkeit setzt sie sich in den Kopf, an dem Triathlon auf Hawaii, wo sie lebt, teilzunehmen. Wie sie das macht, wie sie trainiert, ist nicht nur ein Programm für alle, die Ähnliches vorhaben, sondern auch eine Ermutigung für alle, die ebenfalls gerade auf einer Talsohle sind; ich zum Beispiel habe das Buch ins Krankenhaus mitgenommen, obwohl ich es schon gelesen hatte. Sechsmal hat sie den Ironman bewältigt, ist Marathon und Ultramarathon gelaufen und hat in ihrer Altersgruppe Bestleistungen vollbracht. Die Tatsache, daß sie nicht weniger als neun Ermüdungsbrüche erlitten hat, weist allerdings darauf hin, daß sie ihr Lauftraining übertrieben hat. Ein Unfall beim Radtraining ist auch ihr der Anlaß, vor den Gefahren des Trainings im öffentlichen Straßenverkehr zu warnen. In dem klar und zielführend gegliederten Buch - 20 Kapitel von Diagnose bis zum Anhang Laborergebnisse auswerten - gibt sie auch Ratschläge für den Alltag von Athletinnen.

Die deutsche Übersetzung durch Katrin Schnelle und Nicole Luzar, die Verlegerin, ist kompetent und kenntnisreich. Zu beanstanden ist, daß sie einer begrifflichen Ungenauigkeit folgt. Jegliche pflanzliche Kost wird als vegan bezeichnet. Unter „veganer Ernährung“ versteht man jedoch allein pflanzliche Frischkost, Rohkost also. Die Rezepte, bei denen die Autorin auch die Mikrowelle benützt, lassen erkennen, daß vegetarische Ernährung, wenn auch tiereiweißfreie, gemeint ist. Die Übersetzung vermittelt den hinreißenden Schwung, der die Lektüre so kurzweilig macht. Ganz unberührt von der Verlotterung der deutschen Sprache bleibt auch diese Übersetzung nicht. Immer werden „scheinbar“ und „anscheinend“ verwechselt. Um es deutlich zu machen: Die Leser dieser Rezension kommen hoffentlich zu dem Eindruck, daß es sich anscheinend um ein gutes Buch handelt und nicht um ein nur scheinbar gutes. Einige Eingabefehler sollten korrigiert werden, vor allem der Zahlendreher, der aus einer 53jährigen eine 35jährige Krebspatientin macht. Ruth Heidrich ist jetzt im 75. Lebensjahr. Ihre sportlichen Leistungen auch in fortgeschrittenem Alter machen sie zu einem Vorbild des Alterssports. Ihr Buch ist keineswegs nur für angehende Triathleten lesenswert; sie macht allein durch ihre Vita Krebspatienten Mut. Ihr Buch sollte in Krankenhausbibliotheken eingestellt werden.

W. S.

Ruth E. Heidrich: „Der Lauf meines Lebens. Im Kampf gegen den Krebs zur Ironwoman“. Aus dem Amerikanischen von Katrin Schnelle und Nicole Luzar. Sportwelt-Verlag, 2008, geb., 206 S., ill., 19,90 Euro. ISBN 978-3-9811428-7-7.

Die Antilope jagen
Ein Biologe fragt, weshalb wir laufen

„Mein Rennen am 4. Oktober (1981) in Chicago war lächerlich unbedeutend im Vergleich zu dem, was diese Geschöpfe (nämlich Milliarden von Zugvögeln) routinemäßig leisten. Ich brauchte nur 100 Kilometer in übersichtlichen Runden zu laufen und wurde unterwegs reichlich mit Essen und Trinken versorgt.“ Bernd Heinrich, der sich damals anschickte, erstmals 100 km zu laufen und gleich zu gewinnen, fragte sich unentwegt, wie „unsere Mitgeschöpfe, aus Fleisch und Blut wie wir, ihre erstaunlichen Leistungen vollbringen. Können sie uns lehren, was Ausdauer bedeutet und wie sie zustande kommt?“ Die Fragen stellte Bernd Heinrich von Berufs wegen, er ist Biologieprofessor. 

Erstaunlich ist das Buch deshalb, weil es drei Themenkomplexe miteinander verschränkt. Zum einen ist das Buch eine Läufer-Autobiographie. Wer 100 km in 6:38:21 Stunden gelaufen ist - zu einer Zeit, in der sich die Ultraläufer noch nicht einmal organisiert hatten - , hat ein Anrecht darauf. Bernd Heinrich ist amerikanischer Staatsbürger, stammt jedoch aus Westpreußen und hat nach Flucht und Vertreibung mit seinen Eltern unter sehr einfachen Verhältnissen in der Nähe von Hamburg gelebt. Das Leben hat es ihm wahrhaftig nicht leicht gemacht; man sollte das Buch jungen Menschen mit beträchtlichem Anspruchsdenken und geringem Leistungswillen zur Pflichtlektüre machen. Mit der Beschreibung seiner Läuferkarriere transportiert er seine Biographie. Das weist ihn als mitreißenden Schriftsteller aus. Doch Heinrich ist Wissenschaftler, ein Entdecker von Kindesbeinen an; „nature boy“ war sein Spitzname im Heim, in dem er sechs Jahre verbrachte, indes seine Eltern in Afrika Tiere präparierten. Ein Wissenschaftler stellt Fragen, und mögen sie noch so abseitig sein. Gerade darin zeigt sich Kreativität. Bernd Heinrich entrollt eine ganze Laufphysiologie an Hand von Naturbeobachtungen. Strenge Wissenschaft wird anschaulich gemacht. Das ist das zweite Element. Das dritte: Was können Läufer von Tieren lernen, was hat Bernd Heinrich gelernt?

Der Professor sah bei den Käfern, daß sie sich am kühlen Morgen nur mühsam fortbewegten, in der Wärme des Mittags hingegen durchs Gebüsch hasteten (literarisches Zitat). Dem homo erectus hingegen kommt die ungewöhnliche Zahl gut entwickelter Schweißdrüsen zugute: „Dank unserer Schweißreaktion können wir sehr hohe Wärmebelastungen ertragen, die sich aus unserem Stoffwechsel und aus der Umwelt ergeben.“ Freilich, bei dem Wasserverlust von neun Litern bei einem kontinuierlichen 100-km-Lauf an einem mäßig warmen Tag hat der Autor übertrieben, und Laufen bei Nacht mag entgegen seiner Hypothese den Flüssigkeitsbedarf nur unwesentlich verringern. Selbst aus dem Quaken der Frösche zieht Bernd Heinrich seine Folgerungen. „Männliche Laubfrösche beginnen wie viele Ultraläufer langsam...“ Ein Franziskus in Laufschuhen ist er wohl nicht gerade; ungerührt zitiert er Kollegen, die ganze Frösche zerkleinert haben, um die Ansammlung der Körpermilchsäure messen zu können (an anderer Stelle sind es Salamander - wegen meiner Milchsäure hätten sie nicht sterben müssen). „Die Ergebnisse sprechen entschieden dafür, daß die Tiere eine lange Aufwärmphase brauchen, in der sie Glykogen als Nährstoff verwenden.“ Wenn ich mir Heinrichs Porträt auf der Umschlagklappe anschaue, fällt mir ein verschmitzter Zug auf. Manchmal habe ich den Eindruck, Bernd Heinrich wolle mit absichtsvoll sehr einfachen Schlüssen die Leser verblüffen. Keineswegs aus Effekthascherei, sondern um uns für unsere Umwelt zu interessieren. Wir sind nicht die Spitzenläufer der Schöpfung, wie wir uns unter dem Einfluß der christlichen Religionen immer eingebildet haben.

Nun möchte ich mich nicht in den vielen naturwissenschaftlichen Informationen verlieren, sondern schlicht mitteilen, was mir dieses Buch gegeben hat, so daß ich es zweimal hintereinander gelesen habe. Doch zuvor muß ich meine Kritik loswerden. Ich habe seit langem nicht mehr ein im Verlag so schlampig behandeltes Buch gelesen. Zwar gibt es wohl kein Buch, bei dem nicht ein Eingabefehler unentdeckt bliebe; aber hier stößt man alle paar Seiten auf einen grammatikalischen, orthographischen oder anderen Fehler. „Ostpreußen, das heute zu Polen gehört“, lesen wir, gehört es mit Kaliningrad nicht auch zu Russland? Ich bin weit entfernt von Nationalmasochismus, aber wer sich, wie Vater Heinrich und mein Vater auch, im ersten Weltkrieg freiwillig zu den Waffen gemeldet hat, konnte nicht vorschieben, das Vaterland verteidigen zu wollen. Das Deutsche Reich war nicht angegriffen worden. Die Ju 52 sollte man Junkers zuschreiben. Wenn wir zum Laufen kommen - der verstorbene Jim Fixx hat sicher nicht mehr zur Schreibmaschine gegriffen, sondern dies zu Lebzeiten getan. Uta Pippig wird zu Utta. Es zeigt sich, daß dem Lektorat der läuferische Stall- oder besser Schweißgeruch fehlt. Laufen wir wirklich in „Turnhose“? Und überhaupt - „Joggen“ Läufer wie Bernd Heinrich? Ein Ultramarathon beginnt bereits nach der Marathonstrecke und nicht erst bei 80 Kilometern. Eindeutschungen sind zwar zu begrüßen, aber in den USA werden nun einmal keine 80 Kilometer im Wettbewerb gelaufen, sondern 50 Meilen. Bernd Heinrich weiß sehr wohl, daß der Spartathlon 245 Kilometer lang ist und nicht nur 200 wie im Buch, denn wir waren beide 1985 am Start und haben es beide nicht geschafft; Bernd Heinrich hatte immerhin den Titel eines Rekordhalters über 100 Meilen mitgebracht, was er im Buch bescheiden verschweigt. Die Angabe auf der Umschlagklappe ist mehr als nur irreführend: Es sind seit Heinrichs nationaler Bestleistung 1981 nicht nur vier Menschen die 100 km schneller als er gelaufen, sondern über neunzig (darunter eine Frau und fünf Deutsche). Weshalb bei der Formel für das Sauerstoffaufnahmevermögen das O (für Oxygen) tiefgestellt wird, - der Himmel sowie das List-Lektorat wissen es. Der mittig vierkonsonantige Schlussspurt freilich geht auf die Kultusbürokraten zurück, die Schüler dazu erziehen, Buchstaben zusammenzuklauben, statt ihnen das fluktuierende Lesen, das jeder halbwegs Gebildete beherrschen sollte, zu erleichtern. Mit der Bemerkung, daß der Verlag es geschafft hat, durch den Titel „Laufen“, dem vierten auf dem deutschen Büchermarkt, samt farblosen Untertitel „Geschichte einer Leidenschaft“ zu verbergen, was wirklich in dem Buch steht, sollte ich meine Verlagsbeschimpfung schließen, denn das Buch verdient es, trotzdem gelesen zu werden.

Wir Läufer sollten uns freilich davor hüten, Heinrichs unerschrockene Selbstexperimente als Tips anzuwenden. Einen Liter Preiselbeersaft oder einen Sechserpack Dosenbier während einer Trainingsrunde zu schlucken, werden glücklicherweise ohnehin die wenigsten fertig bringen. Das Wichtigste, das er vermittelt, betrifft die enge Verbindung geistiger und körperlicher Funktionen, von „sensorischem Input“ und „physiologischem Output“. Eine Schmetterlingspuppe zum Beispiel ist abhängig von einem bestimmten Hell-Dunkel-Schema, das sie zum richtigen Zeitpunkt zur Metamorphose veranlasst. Für den Menschen folgert er: „Wir können jeden Input mit dem Vergrößerungsglas unseres Geistes verstärken.“ Immer wieder bezieht er sich auf die Antilope, der er den Rang eines Mythos gibt (daher auch der Titel der amerikanischen Originalausgabe „Racing The Antilope“). Die Evolution hat es so eingerichtet, daß der Gabelbock der amerikanischen Ebenen mit fast 100 Stundenkilometern (Ich habe dazu auch den Band unseres veterinärmedizinischen Lauffreundes Rolf Spangenberg „Laufen - einfach tierisch“ zur Hand genommen) seinen Angreifern meistens entkommt; die nämlich explodieren zwar förmlich im Angriff, aber nach 100 bis 200 Metern ist die Luft raus, während die Antilopenarten ihre Geschwindigkeit beibehalten können. Man hat beobachtet, daß sie keineswegs nur flüchtend laufen, sondern auch im Spiel. Ultrastrecken müssen sie nicht laufen, weil sie so weit nicht verfolgt werden können. Tiere zu hetzen, um sie zu erlegen, dies ist offenbar das Erbe unserer Urahnen, die aus den Bäumen in die Savanne herabgestiegen waren und sich nicht mehr mit aufgefundenem Aas begnügen wollten. „Unser uraltes Erbe als Ausdauerräuber ist heute in unseren ,westlichen’ Kulturen weitgehend durch die Lebensweisen verschüttet, die wir uns in jüngster Zeit zugelegt haben.“ Die schnelle Antilope zu jagen, muß ein uralter Traum sein. Bernd Heinrich erklärt uns auf seine Weise, weshalb wir Marathon und Ultramarathon laufen. Er muß es wissen, er hat diesen Traum geträumt, bevor er in Chicago startete.

W. S.

Bernd Heinrich: „Laufen. Geschichte einer Leidenschaft“. Aus dem Amerikanischen: „Racing The Antilope. What Animals Can Teach Us About Running And Life“. Deutsche Ausgabe List-Verlag 2003. Geb., 349 S., 22 Euro ISBN 3-471-79457-3.

Unbekannte Einblicke

Viele von uns sind dieselben Strecken wie er gelaufen: Apeldoorn, Jungfrau-Marathon, Malta, Paris, den Comrades, Berlin undsofort. Der eine baut einen Gartenzaun, der andere schnitzt aus demselben Material eine Skulptur. Ein Zaun bleibt ein Zaun; an der Skulptur, wenn sie denn mehr als nur gefällig oder modisch ist, reiben sich die Beschauer. Günter Herburger versucht nicht, über Laufveranstaltungen zu berichten, wahrscheinlich verabscheut er das. Seine Laufbücher sind die Tagebücher eines sprachmächtigen Schriftstellers. Wie in seinen beiden ersten Laufbüchern („Lauf und Wahn“, 1988, „Traum und Bahn“, 1994) protokolliert er in seinem neuen Buch „Schlaf und Strecke“ vor allem seine Assoziationen, werden Fakten, Begegnungen, Vorkommnisse zu Chiffren einer Welt hinter dem Laufen. Einer der Schlüsselsätze des Buches lautet: „Muß alles, was im Unterschied zum Erinnern aus dem Gedächtnis geholt werden kann, erzählt werden? Die Verhältniszahl von Wissen und Täuschung heißt etwa 1:10, sonst gäbe es zu wenig Raum für die Phantasie, die, manchmal genauer betrachtet und assoziierend verknüpft, als Wirklichkeit sich darzustellen vermag“ (Seite 323). Ein anderer Schlüsselsatz, auf La Réunion notiert (S. 271): „Auf exotischen Strecken gerieten Kategorien gern durcheinander, so daß Fährnisse zu neuen Verknüpfungen wurden, eine Arbeitsweise der Poesie, weshalb ich seit vielen Jahren zu Fuß unterwegs war, um im Rhythmus von Denken und körperlichen Gefühlen unbekannte Einblicke zu gewinnen...“

Es handelt sich zwar immer um Herburgers Welt - und manchmal mögen wir ihm dorthin nicht folgen -, aber für uns alle, die wir keinen Beruf daraus gemacht haben, ist der Lauf über eine lange Strecke ebenfalls weit mehr als nur ein sportlicher Wettbewerb. Sonst brauchten wir gar nicht erst zu starten, denn wir kennen schließlich unsere Zeiten, und niemals werden wir, selbst wenn wir uns, einen hohen Preis zahlend, um einige Marathon-Minuten verbessern, den Berlin-Marathon gewinnen, höchstwahrscheinlich nicht einmal in einer der Altersklassen. Wir tauchen laufend ein in eine innere Gegenwelt zur realen Welt. Wenn wir Glück haben, lernen wir nicht nur eine Strecke, sondern auch uns selbst kennen. Vielleicht sind wir deshalb Ultralangläufer geworden, weil wir, jedenfalls die meisten von uns, hier „dissoziativ“ laufen können, wie William Morgan dieses gedankenschweifende Laufen im Gegensatz zum assoziativen nennt. Es ist durchaus möglich, ja wahrscheinlich, daß Herburgers hintergründige Welt nicht die unsrige ist - denn wer von uns, zum Beispiel, zündet sich schon noch eine Zigarette an! Und organisatorisch bereiten wir uns wohl auch besser als der Autor auf unsere Laufunternehmungen vor. Doch Herburger macht literarisch - was immer das sein mag - sichtbar, was in uns allen vorgeht.

Der Stilist Herburger tut alles, damit wir seine Texte nicht in uns „reinziehen“. Es den Lesern leicht zu machen, dazu stehen andere allzu gern bereit, damit macht man Auflage; doch eines Tages haben sie uns nichts mehr zu sagen, weil wir selbst es uns nicht leicht machen wollen - sonst würden wir nicht laufen. Bei Herburger bleibt all der modische Tand draußen. Bei ihm kommt kein Finisher vor, keine Marschtabelle und keine Zwischenzeit. In der Zeit des Denglisch, das uns Provinzlern neuerdings der Berlin-Marathon selbst auf der Urkunde um die Ohren haut („Flat, fast and absolutely unforgettable...“), bedeutet Herburger zu lesen eine Erholung. „Schlaf und Strecke“ gehört zu jenen Büchern, die man nicht durcheilt, um sie möglichst rasch ins Regal zu stellen oder übers Internet abzustoßen, sondern - wie unrationell! - wiederholt liest.

In Herburgers Texten verhakt man sich. Er zielt nicht auf Pointen ab, obwohl er zuweilen auf groteske Art überzieht. Sein Stil ist unverwechselbar; mir scheint zuweilen, als habe er die barocke Formensprache seiner oberschwäbischen Heimat verinnerlicht. Doch so wie in Oberschwaben im selben Ort eine Barockkirche und eine Käsefabrik aus Beton stehen, finden sich bei Herburger auch Einsprengsel der achtlosen Gegenwart. In einem der Lauffeuilletons (Schweizer Jura) beklagt sich Herburger über seinen Lektor, der das nach seinen Schachtelsätzen nachklappende Verb unbedingt vorziehen möchte, damit die Verschachtelungen lesbarer würden. Ich kann Herburger verstehen, wenn er das ablehnt; ich ahne, daß seine Art, die Leser über Nebensätze hinzuhalten, ein Kunstmittel sein kann.

Der Lektor hätte ihm anderes sagen sollen. Ich tue das hier, wohl wissend, daß Leser, vielleicht der Autor selbst, dies als Beckmesserei abtun werden. Doch Herburgers literarischer Anspruch fordert dazu heraus, Sprache beim Wort zu nehmen. Ich habe das Vergnügen gehabt, gerade unter Läufern intellektuell Anspruchsvolle kennenzulernen. Daher gebe ich weiter, was ich, durch Heinrich Heine, Karl Kraus und Kurt Tucholsky beeinflußt, bei den Schwaben Erich Schairer, Josef Eberle und täglich bei meinem Kollegen Alfred Waiblinger in der „Stuttgarter Zeitung“ gelernt habe - in der Hoffnung, in der Zeit eines offenkundigen Sprachverfalls ein wenig Nachdenken zu erzeugen, selbst in der Ablehnung noch. Daher stört mich bei Herburger der unreflektierte Umgang mit Sprachschlampereien und Plasticvokabeln. Ich fange an: „Erneut“ ist Bürokraten-Deutsch. Warum nur kann jemand, der auf Wesentliches aus ist, nicht schlicht schreiben: neu, aufs neue, von neuem, abermals, wieder (beim „er-“ muß man doch nachzudenken beginnen: erheben, ertüchtigen, erbrechen)? Die Angeklagten in den Trotzkisten-Prozessen sind nicht zahlloser Verbrechen beschuldigt worden, sondern unzähliger; zahllos (kommt mehrfach vor) ist nur das, was man nicht zählen kann wie beispielsweise die Sterne am Himmel. Der Gegensatz von hoch ist niedrig: Ich steige eine Leiter nicht niedrig, sondern hinunter. Warum steigt Herburger eine Leiter hoch statt hinauf oder empor? Kennen auch Lektoren den Unterschied nicht mehr? Warum wählt er bei „stieben“ die ohnehin unkorrekte schwache Vergangenheitsform: aufstiebten statt aufstoben? „Gefolgt“ kann nicht im Passiv („gefolgt von“) stehen, auch wenn es immer wieder so gebraucht wird („Ich bin gefolgt“, aber ich wurde nicht gefolgt, allenfalls verfolgt). Auf Seite 279 und 296 ein falscher Infinitiv mit zu (das Objekt fehlt, auf den er sich beziehen könnte), Auf Seite 333 ein falscher Kasus, auch an anderen Stellen folgen Ergänzungen nicht dem Fall des Hauptsatzes, Seite 292 wegen mit Akkusativ statt Genitivs, Seite 12: „dünken“ regiert, dünkt mich, den Akkusativ, nicht den Dativ. „Trotz“ mit Dativ - bravo! Aber warum dann „dank“ mit Genitiv? Superlative und Zahlen erfordern den bestimmten Artikel, ihn wegzulassen, wirkt maniriert und ist überdies grammatikalisch falsch. „Im Gestöber aus Nässe und widersprüchlichen Reflexen ereilte ein Zen-Schlag mit der unhörbaren Prügellatte, die Gnade der Verweigerung“ - nicht darüber, daß er auf Réunion aufgegeben hat, schüttle ich den Kopf, sondern weil eine Transitivform intransitiv und damit unverständlich gemacht worden ist (wen ereilte es?). Den Satz „Sigmund Freud hätte wahrscheinlich gesagt, er achte zwar körperliche Arbeit, jedoch die Regionen vergleichender Metaphern beherbergten Werke ohne Schweiß“ (Los Angeles) habe ich auch im Zusammenhang und trotz langjähriger Freud-Lektüre schlicht nicht verstanden.

In einem Sachbuch sind die Monita eines erklärten Sprachpuristen zu vernachlässigen, nicht jedoch in Literatur, sobald sie sich betont vom Umgangsdeutsch entfernt. Und das tut Herburger. Wer wie er uns Einfachläufern auf fast jeder Seite unsere Unbildung um die Ohren haut, zum Beispiel (Seite 36) „Unwillkürlich zog ich den Kopf ein, denn im Periodensystem waren die drei schwersten bislang bekannten Elemente gefunden worden, das Nielsborium, Hassium und Meitnerium der Ordnungszahlen 107, 108 und 109“ - was ja alles nahe liegt, wenn man beim Laufen an strudelnde Buckminsterfullerene denkt -, der muß sich insistierendes Hinterfragen gefallen lassen. Und dabei stoße ich auf mangelnde Sorgfalt, die läuferisch Außenstehende wahrscheinlich nicht vermuten würden. „Dann hieb ein Gestauche durch den Leib, die Zurechtweisung: Das Fettverbrennen hatte begonnen, erreicht etwa bei Kilometer 34 oder 35.“ Literarisch herrlich, so sollte man schreiben können - „das Gestauche durch den Leib“; doch die Fettverbrennung beginnt beim Start, sofern nicht bei einem Spurt die gesamte Energie aus den Glykogenreserven gewonnen werden muß; der Körper schaltet nicht mit einem Klick vom Kohlenhydratstoffwechsel auf den Fettstoffwechsel um. Alles Nähere ist anderswo nachzulesen, in jüngerer Fachliteratur jedenfalls. Josef Galia, der älteste deutsche Marathonläufer, hat in seinen jungen Jahren alles Mögliche betrieben, insbesondere Leichtathletik; aber er kommt nicht vom Stabhochsprung her (Seite 41), den er vielleicht auch einmal ausgeübt hat (Stabhochspringer war Ernst van Aaken). Der älteste Ultralangstreckenläufer hieß Dr. Adolf Weidmann, nicht Wiedemann. Horst Preisler war nicht Personalchef einer Versicherung, sondern eines Krankenhauses; die mit 661 angegebene Zahl seiner Marathons rührt aus dem Jahr 1996 (Bad Füssing). Erich Honecker schrieb sich nur mit einem N. Zum Spartathlon wohnten wir nicht in der Sporthochschule zu Athen, sondern im Athletendorf beim Stadion. Bei mir wird den Lesern immerhin die Wahl gelassen: Ich hätte Kartoffeln oder amerikanische Nudeln gekocht. Wer mich als Vollwertköstler kennt, weiß, Nudeln, und gar noch amerikanische, können es auf keinen Fall gewesen sein.

Es ist möglich, daß mir die Leser meiner Auseinandersetzung mit „Schlaf und Strecke“ nun unterstellen, ich hätte im Andersen-Jahr in Anspielung auf des „Kaisers neue Kleider“ sagen wollen: Seht, der Kaiser hat nichts an. Wenn dem so wäre, auch ein nackter Kaiser bleibt ein Kaiser. Und alles, was ich bemängelt habe, hätte sich im Lektorat beheben lassen. Mindestens der Leidensdruck durch die Omnipotenz in deutschen Verlagen eint uns, den Autor und den Rezensenten. Die gescholtenen Lektoren tröstet vielleicht: Es ist trotzdem (Dativ!) ein bemerkenswertes Buch, ein weiterer Höhepunkt der belletristischen Laufliteratur.

W. S.

Günter Herburger: Schlaf und Strecke. A 1 Verlag, 2004. 351 S., geb., 19,80 Euro. ISBN 3-927743-74-7

Gesund und leistungsfähig bis ins hohe Alter

Professor Dr. Wildor Hollmann ist nicht das, was man als einen Läuferarzt bezeichnet; aber er hat sein ganzes Berufsleben hindurch die Laufbewegung begleitet. Seine Untersuchungen sind für Läufer von hoher Relevanz. Möglicherweise hat er andererseits wissenschaftlich auch von den Läufern profitiert. Am Anfang hatte er ja noch, erinnere ich mich, täglich zehn Minuten als Gesundheitstraining für ausreichend angesehen. Hollmanns jahrzehntelange Arbeit ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie sich Wissenschaft und Empirie befruchten können.

Im allgemeinen wenden sich seine zahlreichen Veröffentlichungen vor allem an seine Kollegen. Doch nun hat er ein Buch vorgelegt, das für ein breites Publikum bestimmt ist: „Gesund und leistungsfähig bis ins hohe Alter“. Unter dem Eindruck der demographischen Entwicklung sind das Alter und das Altern zu einem wichtigen Publikations- und Tagungsthema geworden. Was an diesem handlichen Buch gefällt, ist, daß der Autor keine Allerweltsratschläge gibt, sondern Fakten vermittelt, häufig solche, die er aus eigenen Untersuchungen gewinnen konnte. So interpretiert er allgemeinverständlich aktuelle Wissenschaft, aber überläßt den Lesern, die praktischen Folgerungen zu ziehen. Damit wirken die Fakten um so stärker und für viele sicherlich überzeugender, denn die wenigstens lassen sich gern vom Katheder aus belehren.

Von der ersten bis zur letzten Seite bringt er die Fragen, die er behandelt, jeweils auf den Punkt. Wildor Hollmann beginnt mit den Alterungsvorgängen, definiert das biologische Alter und seine Abweichung vom kalendarischen und befaßt sich mit dem „demographischen Faktor“. Dabei widerlegt er die insbesondere bei Politikern populäre Ansicht, daß das Älterwerden die Gesellschaft viel Geld kostet. „Tatsächlich konnte jedoch in Studien überzeugend demonstriert werden, daß ein gesunder Lebensstil selbst bei alten Menschen keine zusätzlichen Kosten verursachen muß. Voraussetzung ist, daß die zweite Lebenshälfte durch eigene Pflege der Gesundheit sowie der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit gemäß dem heutigen Wissensstand der Medizin gestaltet wird.“ Hauptsächlich seien es fünf Todesursachen, die in den vergangenen wenigen Jahrzehnten in ihrer Häufigkeit gewachsen seien: Herzinfarkt, Zuckerkrankheit, Lungenkrebs, Lebererkrankungen, Verkehrsunfälle. Mit dem letztgenannten Faktor freilich irrt der Professor; seit einigen Jahren nimmt die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle signifikant ab - ein ermutigendes Zeichen dafür, daß wir manches Problem, das wir uns selbst geschaffen haben, durch energisches Umsteuern vielleicht doch in den Griff bekommen können.

Der Autor analysiert die Bedrohungen. Es verwundert nicht, daß der ehemalige Präsident des Weltverbandes für Sportmedizin den Bewegungsmangel als Risikofaktor eindringlich vor Augen führt. Aus der Darstellung körperlicher Funktionen leitet er Empfehlungen ab. Einige Bemerkungen macht er zur Ernährung, die jedoch nicht weiter thematisiert wird. Immerhin weist er darauf hin, man habe jahrzehntelang eine möglichst geringe Fettzufuhr empfohlen - einige Krankenkassen haben damit jährliche Aktionen bestritten („Fettaugen“-Zählung!) -, die Folge: „Eine vergrößerte Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen konnte in solchen Bevölkerungsgruppen beobachtet werden, die diesen Empfehlungen folgten.“

Ausdauersportler finden in dem Band nichts, was sie - unter anderem dank Professor Hollmann - nicht schon gewußt hätten. Doch hilft das Buch sehr, komplizierte Sachverhalte besser zu begreifen. Zielgruppe sind jedoch vor allem diejenigen, die erst am Anfang einer gesundheitsbewußten Lebensführung stehen. Diese Menschen finden sich mit Sicherheit auch im Umkreis eines jeden von uns, und da wir bei diesen ja als kompetent gelten, ist es hilfreich, wenn wir Ratsuchende auf dieses überzeugende und eingängige Buch einer kardiologischen und sportmedizinischen Kapazität ersten Ranges hinweisen können.

W. S.

Wildor Hollmann: Gesund und leistungsfähig bis ins hohe Alter. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr, 2006, geb., 151 S., 14,95 Euro. ISBN 3-7806-3008-7.

Laufnebenwirkungen - ein laufmedizinisches Fachbuch in 2. Auflage

Wenn ein anspruchsvolles Fachbuch, das nicht gerade billig ist, bereits nach noch nicht einmal drei Jahren neu aufgelegt werden muß, spricht dies eindeutig sowohl für den Bedarf als auch für die Qualität. „Laufnebenwirkungen“ von Dieter Kleinmann hat sich als medizinisches Standardwerk für die Laufpraxis etabliert; es deckt das Informationsbedürfnis bei allen eventuellen Schädigungen beim Laufen ab, macht aber auch physiologische Vorgänge transparent und belegt grundlegende wie aktuelle Erkenntnisse mit umfangreichen bibliographischen Angaben. Es ist das Buch eines Praktikers mit immenser internistischer, auch kardiologischer Erfahrung, hält aber ebenso wissenschaftlichen Anforderungen stand. Da es, wenn auch auf hohem Niveau, allgemeinverständlich geschrieben ist, eignet es sich auch für ambitionierte Läufer zur Wissensvertiefung und zum Nachschlagen. In den Fallbeispielen können sich Läufer wiedererkennen. Allgemeinmediziner können daran ihren kritischen Blick für Gefährdungen ihrer Läufer-Patienten schulen.

Dr. Dieter Kleinmann ist nach wie vor selbst leistungssportlich aktiv und leitet einen Lauftreff und eine Herzsportgruppe, hat jedoch seine Praxis in jüngere Hände gelegt. Das ermöglicht ihm eine noch intensivere theoretische Beschäftigung. Die 2. Auflage ist daher nicht einfach ein Nachdruck, sondern um weitere Aspekte und Hinweise auf neue Studien erweitert. Das drückt sich auch in einer Umfangerweiterung aus. Aktuelle Bilder und Tabellen sind hinzugekommen. Das berühmte Bild der 1. Auflage mit der taumelnden Andersen-Schiess ist vom Titel in den Textteil gewandert und hat einem aktuellen Bild vom Two-Oceans-Lauf 2007, einem Hitzelauf, Platz machen müssen. Die meisten der 99 Abbildungen stammen vom Autor und haben daher einen engen Bezug zur Laufpraxis.

Neu sind insbesondere Erörterungen über den Einfluß des Laufens auf die Hirnleistung, den Belastungskopfschmerz, die Hautkrebsgefahr und die Gefahr zu hoher Trinkmengen; neue Erkenntnisse zur Gefahr der Herzmuskelschädigung werden vermittelt, hier detaillierter als vorher über die Rolle des Tropanins, eines spezifischen Markers für selbst kleine Herzmuskelschäden. Für solche kritischen Zusammenfassungen werden Allgemeinärzte mit Läuferklientel dankbar sein: „Ausdauersportler sind seit Jahrzehnten beliebte, ja wissenschaftlich faszinierende Probanden in der Medizin, vor allem wenn neue diagnostische Testmethoden eingeführt wurden. Doch immer wieder geben bei diesen Ausdauertrainierten die gewonnenen Laborergebnisse Rätsel in der Deutung auf. Dies begann schon bei normalerweise als pathologisch angesehenen EKG-Veränderungen bei gesunden hoch ausdauertrainierten Sportlern... Mit der diagnostischen Einführung des Muskelenzyms CK bzw. später CK-MB beim Herzinfarkt gab es nach intensiver muskulärer Ausdauerbelastung ohne Herzbeschwerden ebenfalls Probleme in der korrekten Interpretation formal erhöhter Werte. ... Ob die beobachteten kurz dauernden Erhöhungen von Troponin und (NT-pro)BNP oder die reversiblen echokardiographischen Auffälligkeiten bei sehr langen anstrengenden Ausdauerbelastungen auf lange Sicht eine klinische Bedeutung haben, ist bis heute nicht entschieden.“ Für Läufer, die sich durch Laborwerte geängstigt fühlen - mancher auf diesem Gebiet nicht genügend erfahrene Arzt dramatisiert auch unabsichtlich -, bedeutet dies, Diagnosen zu hinterfragen. Dieses Buch, auch wenn vielleicht mancher Fachausdruck nicht verstanden wird, hilft dabei; häufig vorkommende diagnostische Begriffe sind in einem Glossar allgemeinverständlich erläutert.

Wer über den „Nebenwirkungen“ des Laufens, die manchmal schon keine mehr sind - ähnlich wie man auch an den iatrogenen Wirkungen von Medikamenten sterben kann -, unsicher geworden ist, wird im letzten Kapitel beruhigt; auch die Summation der Schäden, die in diesem Fachbuch behandelt werden, ändert nichts an der präventiven oder gar therapeutischen Wirkung des Laufens.

W. S.


Dieter Kleinmann: Laufnebenwirkungen. Vom Ermüdungsbruch zum plötzlichen Herztod: Was können Sie dagegen tun? Deutscher Ärzte-Verlag, 2. überarbeitete Auflage 2009. Kart., 372 S. mit 99 meist farbigen Abbildungen und 56 Tabellen. ISBN 978-3-7691-0592-6, 39,95 Euro (D).

Laufen und Walking im Alter

Ein Thema ist es schon immer gewesen: Laufen im Alter. Wie geht es weiter, wenn die persönliche Marathon-Bestzeit niemals mehr erreicht werden wird? Im allgemeinen ist eine solche Frage nur im stillen Kämmerlein gestellt worden. Doch unter dem Eindruck der demographischen Veränderungen in Deutschland ist Sport im Alter seit einigen Jahren zu einem Thema geworden, das in Symposien und Workshops diskutiert wird. War es früher die Ausnahme, wenn jemand nach dem Eintritt ins Rentenalter mit dem Laufen und gar mit dem Wettkampfsport begann, so wird heute zumindest das Walking als Prävention und als Rehabilitation gerade der älteren Jahrgänge empfohlen und gegen Jogging wie auch gegen den Marathon im dritten Lebensabschnitt selbst von nicht laufenden Ärzten nichts (mehr) eingewendet.

Dieter Kleinmanns Buch kommt zum rechten Zeitpunkt. Statt immer noch mit einem weiteren Laufbuch in den Auflagen-Wettlauf einzutreten - manchmal um den Preis der Seriosität -, ist ein Verlag gut beraten, wenn er sich mit einer Neuerscheinung einem Spezialthema widmet. Seit Israel/Weidners „Körperliche Aktivität und Altern“ (1988) und dem „Handbuch Alterssport“ von Heinz Denk (2003) ist meines Wissens keine deutschsprachige Buchveröffentlichung erschienen, die für Probleme von Altersläufern relevant wäre. Dieter Kleinmanns jüngstes Werk schlägt die Brücke von der Wissenschaft zur ärztlichen Praxis und zur Praxis des Laufens und Walkings überhaupt. Langjährig ambitionierte Läufer begegnen heute ihrem Doktor durchaus auf Augenhöhe. Insofern ist der Band, auch wenn er nicht zur Ratgeberliteratur zählt, auch für sie interessant, für Lauftrainer mit einer betagten Klientel ohnehin.

Dr. Kleinmann hat sich nicht an einen Trend - die Thematisierung von Sport im Alter - angehängt; er wirft nicht jährlich ein Buch auf den Markt, wiewohl dies nach „Laufnebenwirkungen“ so scheinen könnte. Ich weiß aus früheren Gesprächen, daß dieses Buch „Laufen und Walking im Alter“ seit Jahren im Manuskript schlummerte; doch der Autor mochte bei der Buchrealisierung keinerlei Kompromiß, etwa den Verzicht auf die 15seitige Bibliographie, eingehen. Recht hat er. Denn eine solche ausführliche Bibliographie, so langweilig sie wirkt, kann eine Fundgrube sein. So ist das Buch Jahre hindurch gewachsen, immer wieder genährt durch die Kasuistik aus der eigenen internistischen Praxis, die in hohem Maße von Läuferinnen und Läufern aufgesucht worden ist. Wenn man dazu nimmt, daß Kleinmann seinem Patienten-Potential, seinen „Probanden“, weniger im weißen Mantel begegnet ist, als vielmehr auf der Laufstrecke, wovon auch die Fotos zeugen, kann man ein authentisches Buch aus der Läufer-Wirklichkeit erwarten.

Im Blick bleibt die sportärztliche Fragestellung „Fit im Alter, aber wozu?“ Im ersten der vier Hauptteile behandelt Kleinmann die gesundheitlichen Auswirkungen der Dauerleistung. Die Alterungsprozesse ähneln verblüffend den Folgen von Bewegungsmangel; durch Bewegung lassen sie sich günstig beeinflussen. Höchstwahrscheinlich haben die Leser der Zielgruppe manches auch woanders gelesen; Dr. Kleinmann übernimmt jedoch Erkenntnisse nicht einfach, sondern prüft sie immer an Hand von Primärquellen (daher die umfangreiche Bibliographie). Insofern eignet sich der Band auch gut zum Nachschlagen. Es versteht sich, daß Dr. Kleinmann auf dem aktuellen Stand ist. Manche hypothetische Behauptung ist durch Studien und Beobachtungsreihen erst in den letzten Jahren verifiziert worden, und sei es die des Slogans „Langläufer leben länger“. .
Insbesondere aus dem Kapitel „Ärztliche Untersuchung“ spricht der - auch kardiologisch -
erfahrene Praktiker; er rät beim Belastungs-EKG eindringlich zur „symptomlimitierten Belastung“ auf dem Ergometer. Nur dann, zusammen mit einer Echokardiographie, könne man einer Herzerkrankung auf die Spur kommen. Eine der übersichtlichen Tabellen des Buches führt die Kontraindikationen auf. Das Kapitel Training faßt zusammen, was jeder praktische Arzt, der Läufer in seinem Wartezimmer hat - wer heute eigentlich nicht? -, wissen sollte. Sicherlich ist es auch für Läufer, die sich durch zahlreiche Wettkampfteilnehmen im Zentrum der Laufszene bewegen, nützlich, Überlastungs-Zeichen bei Sportfreunden zu erkennen. Für Läufer wie mich ist es wohltuend, bestätigt zu bekommen, daß das subjektive Befinden, der Gesundheitszustand, die Beurteilung des Trainings oder Wettkampfes verläßlicher sind als die alleinige Pulsmessung.

Wissenschaftliche Erkenntnisse, die zu Gemeinplätzen geworden sind, werden kritisch hinterfragt, so zum Beispiel im vierten Hauptteil die einseitige Darstellung, um nicht zu sagen: Verteufelung, der freien Radikalen. In diesem Kapitel werden Laufen und Walking unter den Aspekten von Streß und chronischen Erkrankungen gesehen. Dabei wird insbesondere Herzerkrankungen - der häufigsten Todesursache - ein besonderes Augenmerk geschenkt.

Dr. Kleinmann hat mit seinem jüngsten Buch nicht nur thematisch eine Lücke geschlossen, sondern abermals auch häufig abstrakt wirkende wissenschaftliche Studien pragmatisch in Beziehung zur therapeutischen und zur läuferischen Praxis gesetzt. Daher ist der Band sowohl Medizinern als auch Läufern, die nach qualifizierter Information zumal in Problemfällen streben, sehr zu empfehlen. Der Autor demonstriert zudem wieder einmal, daß man ohne Verlust an akademischer Seriosität allgemeinverständlich schreiben kann, und das bedeutet: auch für diejenigen, um die es hier geht.

W. S.

Dieter Kleinmann: Laufen und Walking im Alter. Gesundheitliche Auswirkungen und Trainingsgrundsätze aus sportmedizinischer Sicht. Springer Wien/New York, 2006. 172 S., 66 Abb. Brosch. 24,90 Euro. ISBN 3-211-33613-3

Sportgeschichte in Jena

Wie wohl nur wenige Universitäten ist die Friedrich-Schiller-Universität zu Jena seit ihrer Gründung im Jahr 1558 den Leibesübungen und dem späteren Sport verbunden. Zwar schien das Fechten die Hauptrolle zu spielen, aber einer Urkunde aus dem Jahr 1567 ist zu entnehmen, daß die Studenten auch Ballspiele betrieben, kegelten, Pikenwerfen, Fahnenschwingen, Reiten und Zielschießen übten. Solch sportliche Aktivität liegt schon deshalb nahe, weil zu dieser Zeit Unterhaltung durch Leibesübungen auch im Volk beliebt war. Die ältesten Darstellungen sportlicher Übungen aus der Handschriftenabteilung der Friedrich-Schiller-Universität belegen denn auch fürs 15. Jahrhundert Ringen und Werfen. Später waren Leibesübungen ein Motiv von Stammbuchbildern; das älteste derartige Jenaer Stammbuchbild aus dem Jahr 1619 enthält außer fechtenden Studenten auch Läufer in den Weinbergen. Solche Fakten machen deutlich, daß dieser Band, der zunächst nur von lokalgeschichtlichem Interesse zu sein scheint, einen durchaus relevanten Beitrag zur allgemeinen Sportgeschichte darstellt. Der kompetente Autor ist Dr. Hans-Georg Kremer, der sich auf eine Anzahl Vorarbeiten, zum Beispiel die Dissertation von Gerhard Rauschenbach 1960 stützen konnte. Vor allem aber ist in den letzten Jahren ein umfangreiches Bildarchiv aufgebaut worden, aus dem Kremer erstmalig in dieser Fülle (etwa 500 Abbildungen) schöpfen konnte.

Wiewohl Kremer nicht im geringsten den wissenschaftlichen Pfad verläßt, finden sich immer wieder anekdotenhafte Züge. Zum Beispiel: Im ersten Jahrhundert der Universität kamen nicht weniger als 42 Studenten bei Raufereien und Duellen ums Leben, zehn ertranken in der Saale und sieben tranken sich zu Tode. Ein Lehrbeispiel ist die Indoktrination der Universität während der Nazizeit. Ein Dr. Carl Krümmel, Leiter des dem Erziehungsministerium unterstellten Amtes für Körperliche Ertüchtigung, forderte von den Studenten eine sportliche Leistungsprüfung nach dem 4. Semester: „Da muß der Student nachweisen, daß er einen aus dem Wasser holen und einem anderen in die Fresse hauen kann. Das ist allgemeine Bildung.“ So wesentlich wie der Sport für die gesundheitliche Prävention ist, so bedenklich ist die bereits 1925 beurkundete Einführung des Pflichtsports an der Jenaer Universität, der ersten im Deutschen Reich, bedenklich, weil sie den Nazis die Plattform zur Ideologisierung und zum Wehrsport bot.

Was den Band für Ultraläufer zu einer Primärquelle macht, ist ein eigenes Kapitel über den Rennsteiglauf. Kremer schildert darin authentisch den Hintergrund und die Entstehung des GutsMuths-Rennsteiglaufs, der in den ersten Jahren insbesondere mit den Orientierungslaufgruppen der Betriebssportgemeinschaft Lokomotive Weimar und der Hochschulsportgemeinschaft Jena verbunden ist. Ein kürzerer Abschnitt ist dem Jenaer Kernberglauf gewidmet.

W. S.

Hans-Georg Kremer: Zur Geschichte des Sports an der Universität Jena. Materialien, Geschichten, Bilder. quartus-Verlag Bucha bei Jena, 2002, geb., 168 S., 14,90 Euro. ISBN 3-936455-07-4

Neu übersetzt: Roman über den Transamerikalauf

Wohl kaum ein Läufer bereut, sich über den 550 Seiten dieses Romans halbe Nächte um die Ohren zu schlagen. Auch wenn man zurückblickt, - er ist einer der wenigen stimmigen Läuferromane. Dabei ist er weder hohe Literatur noch tiefgründige Reflexion, es wird in angelsächsischer Tradition einfach nur eine Geschichte gut erzählt. Der Nachteil des Buches: Die deutsche Übersetzung war seit vielen Jahren vergriffen. Wer sich an einen Titel „Transamerika“ nicht erinnern kann und allenfalls an Helmut Linzbichlers Report „Der Transamerikalauf“ denkt, hat keine Gedächtnislücke. Es handelt sich bei „Transamerika“ um „Flanagan’s Run“ von Tom McNab aus dem Jahr 1982, der ein Jahr später in deutscher Übersetzung unter dem farblosen Titel „Das Rennen“ erschienen ist. Nicht nur der Titel ist geändert und sicherlich sogar anschaulicher als der englische Originaltitel. Der Roman ist auch neu übersetzt.
„Transamerika“ hat zum thematischen Vorwurf die spektakuläre Fuß-Durchquerung des amerikanischen Kontinents von Los Angeles nach New York in der Zeit vom 4. März bis zum 26. Mai 1928, das erste Kontinentalrennen in der Laufgeschichte überhaupt. Tom McNab, ein schottischer Journalist, ist allerdings mit dem Stoff sehr frei umgegangen. Bei den Charakteren der handelnden Personen sind Anklänge an die Beteiligten vorhanden; so wie Flanagan muß man, wenn man gut über ihn denkt, sich den Sportpromoter C. C. (Spitzname: Cash & Carry) Pyle vorstellen. Eindeutiger Fakt jedoch ist im Grunde allein die Streckenführung über den damals neu trassierten Highway 66 (Los Angeles - Chicago), worunter man sich noch keine Autobahn vorstellen darf, sondern eine Kombination von Straßen höchst unterschiedlicher Beschaffenheit.

Der Autor hat den Transamerikalauf vom Jahr 1928 in das Jahr 1931 gelegt, den Höhepunkt der großen Depression. Das gibt ihm die Möglichkeit, soziale Hintergründe herauszuarbeiten. In der Tat waren wohl die wenigsten Teilnehmer des realen Transamerikalaufs aus sportlichem Ehrgeiz gekommen, sondern eher, weil sie im Gewinn eines Preisgeldes oder einer Tagesprämie ihre Chance sahen, vielfach die einzige Chance ihres Lebens. Zumindest hatten sie gegen ihre Startgebühr für einige Wochen preiswerte Verpflegung. Kritisch kann man sagen, der tatsächliche Lauf sei weniger ein sportliches Unternehmen gewesen als ein Wanderzirkus, der eine hohe, noch nie zuvor erbrachte sportliche Leistung abverlangte.

Mit der Schilderung typisierter Persönlichkeiten wie des 54jährigen erfahrenen Doc Cole, des Glasgower Bergarbeiters Hugh McPhail, des Mexikaners Juan Martinez, des Gewerkschafters und Preisboxers Mike Morgan, des britischen Lord Thurleigh, der Varieté-Tänzerin Kate Sheridan gelingt es McNab, der Masse der Teilnehmer Gesichter zu geben. Bei ihm sind es über 2000, die sich auf den Weg nach New York machten. Tatsächlich waren es im Jahr 1928 nur 199 gewesen.

McNab, der auch Leichtathletik-Trainer gewesen ist, erweist sich als sachkundig; mit dem, was er über das Laufen schreibt, mit der Schilderung der Quälerei und mit seinen historischen Reminiszenzen hat er uns laufende Leser auf seiner Seite. Die erste deutsche Übersetzung habe ich damals verschlungen, die jetzige Neuerscheinung habe ich kritisch gelesen. Und da ist mir einiges aufgefallen. Mit 46 Jahren habe Doc Cole keine 20 Kilometer mehr in der Stunde geschafft. Hoppla, dann hätte er zuvor eine olympische Medaille erlaufen müssen, sein Profil wäre ein anderes gewesen. Um unsympathische Gegenspieler zu schaffen, läßt der Autor eine Mannschaft der Hitler-Jugend laufen, 19- bis 21jährige Männer. Das Hitler-Jugend-Alter endete jedoch, außer vom Bannführer aufwärts, zu jeder Zeit mit der Vollendung des 18. Lebensjahres. Es stimmt auch nicht, daß sich die Nationalsozialisten selbst als Nazis bezeichneten. „Nazi“ war von Anfang an abschätzig gemeint und wurde allein von Nazi-Gegnern gebraucht. Historisch falsch ist auch die Aussage eines der deutschen NS-Läufer: Wenn wir an die Macht kommen, wird sich Deutschland um die Olympischen Spiele bewerben. 1931 konnte von Machtergreifung noch nicht die Rede sein, und die Idee der Olympiabewerbung stammt bereits aus dem Jahr 1929 von dem „Halbjuden“ Theodor Lewald; Hitler hat sich die Idee, die ihm wegen der Internationalität der Veranstaltung zunächst gar nicht gefiel, erst später - und wohl auf Anraten von Goebbels - zu eigen gemacht. Doping mit einem Beruhigungsmittel, das der Autor den Deutschen zuschreibt, dürfte das Gegenteil des angestrebten Zwecks erreichen. Einerseits geben Teilnehmer schon am ersten Tage nach ein paar Kilometern auf, andererseits mutet McNab im Roman den Läufern zu, den Eskapaden Flanagans zu folgen und außer dem Tagespensum von durchschnittlich 82 Kilometern auch noch lokale Wettläufe und Boxkämpfe zu bestreiten, ganz abgesehen von einer Schlägerei mit gedungenen Angreifern, die aus ideologischen Gründen den Lauf zum Abbruch führen sollte. Der Lauf gegen ein Pferd paßt zwar gut in den Stoff, ist aber innerhalb eines Transamerikalaufs eher unwahrscheinlich. Mit solchen Episoden hat Mc Nab den Roman aufgemotzt, obwohl er das gar nicht nötig gehabt hätte. Wie sich Flanagan aus allen Mißhelligkeiten, insbesondere finanzieller Art, herauswindet, ist manchmal reichlich oberflächlich. Eine einflußreiche Evangelistin muß dann geradezu als dea ex machina herhalten. Am besten ist’s also, man nimmt den Roman für nicht mehr, als er ist: fesselnde Unterhaltung in unserem ureigenen Umfeld.

Gewundert hat mich, daß ein solcher Lesestoff bei Krüger keine zweite Auflage erlebt hat. Nun hat der Aufbau-Verlag, der einst angesehene und traditionsreiche Verlag in der ehemaligen DDR, die Neuauflage veranstaltet. Verena von Koskull hat den Roman neu übersetzt. Dabei hat sie das Stil-Konstrukt der ersten Übersetzung vermieden, nämlich den Slang von Läufern durch eine künstliche, aus der Mundart im Osten Berlins destillierte Vulgärsprache wiederzugeben, die ohnehin schwer zu lesen war. Andererseits ist sie zu wenig in das Laufmilieu eingedrungen; mit Sicherheit haben Läufer auch Anfang der dreißiger Jahre bei einem solchen Unternehmen Du zueinander gesagt. Der „Sie“-Stil der Übersetzerin wirkt gestelzt. Amerikanische Maße sind umgerechnet, so daß Zeit-Angaben in Kilometern nun viel eingängiger sind als in Meilen. Was von einer Übersetzung abhängen kann, zeigt sich zum Beispiel daran, daß der erste Übersetzer, Alexander Schmitz, bei einem Laufduell von vier Fuß Abstand spricht. „Laufen Sie einfach in vier Fuß Abstand.“ Das ist unverständlich. In der neuen Übersetzung wird klar: Der Sprinter soll mental in einem 1,20 Meter breiten Tunnel laufen, nämlich nur die Bahn im Auge haben und nicht den Gegner. An einer anderen Stelle hingegen liegt die Übersetzerin falsch; sie denkt bei Eiern an die Testes und übersetzt, die Sechstageläufe seien Eierläufe genannt worden, weil die meisten sich die Eier wund gegangen seien. Da finde ich die erste Übersetzung besser; Alexander Schmitz erklärt, die Sechstageläufe seien Wobbles genannt worden, weil die Läufer mehr herumgewobbelt, nämlich hin- und hergewackelt seien (im hüftbetonten Geherstil), als zu laufen. Erstmals lese ich von Tarahumare, bei Lumholtz und allen anderen Autoren, einschließlich der ersten Übersetzung, sind es Tarahumaras.

Für beide Übersetzungen gilt: Man sollte möglichst so übersetzen, wie die deutsche Sprache zur Zeit des Ereignisses wirklich beschaffen war, sofern die Verständlichkeit nicht darunter leidet. In den dreißiger Jahren sagte niemand etwas lautstark, sondern schlicht laut. „Ansonsten“ war ungebräuchlich, man sagte, wie es auch heute das bessere Deutsch wäre, schlicht „sonst“. Den Otto Normalverbraucher gab es erst, nachdem zu Kriegsbeginn 1939 in Deutschland Lebensmittelmarken eingeführt worden waren, nicht jedoch in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren. Dazu die leider heute üblichen Sprachschlampereien: Das Verb folgen kann nicht im Passiv benützt werden („gefolgt von“). Zahllos bedeutet, man kann es nicht zählen; gemeint ist meistens: unzählig (also unzählige statt zahllose Helfer). Die Olympischen Spiele sind nicht die Olympiade; sie ist der Zeitraum zwischen den Olympischen Spielen. „Mit die beste Zeit“ - einen Superlativ kann man nicht teilen, sonst wäre es keiner. Sind denn niemandem die Kasusfehler aufgefallen (lehren erfordert den Akkusativ)? Es gibt wohl kein Buch, in dem nicht irgend ein Eingabefehler unentdeckt bleibt. Aber diese Neuausgabe ist ausgesprochen nachlässig korrigiert worden; leider ist das heute keine Seltenheit. Was ein Rezensent bei der einfachen Lektüre findet, hätte erst recht ein Verlagsmitarbeiter finden können.

Insofern verdirbt ein Haar die Suppe, mag sie auch mundgerechter sein als die vor 25 Jahren. Insgesamt jedoch werden sich die Leser der Neuausgabe das Vergnügen nicht trüben lassen. Wer den Band an eine Läuferin, einen Läufer verschenken will, wird damit wohl immer richtig liegen.

Jedoch, die Fiction-Literatur hat Konkurrenz durch Non-fiction bekommen, und vielleicht ist die Schilderung der Realität sogar stärker als die erdichtete Darstellung. Im vorigen Jahr sind gleich zwei laufgeschichtliche Darstellungen des realen Transamerika-Laufes, des „Bunion Derby“, erschienen, „C. C. Pyle’s Amazing Footrace. The True Story of the 1928 Coast-to-Coast Run across America“ und „Bunion Derby. The 1928 Footrace across America”. Bedauerlicherweise erschwert die Idealkonkurrenz die mögliche Entscheidung darüber, ob man nicht eines ins Deutsche übersetzen sollte. Aber welches? Vorzüge haben sie beide. Vielleicht kann man den Unterschied so beschreiben: Geoff Williams, ein freier Journalist und Mitarbeiter von „Life“, erzählt die Geschichte, Charles B. Kastner dokumentiert sie. Man kann also beide lesen, ohne sich zu langweilen. Der erste Titel hebt sich insofern ab, als er zum Vergnügen von Bibliophilen die Buchgestaltung im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts imitiert; der Schnitt täuscht vor, daß die Druckbogen vom Benutzer aufgeschnitten worden sind. Leider sind auch die Bilder, die jeweils ein Kapitel einleiten, dem damaligen Design geopfert worden; sie sind nur briefmarkengroß. Die Darstellung in „Bunion Derby“ umfaßt nur etwa zwei Drittel des Textumfangs in „C. C. Pyle’s Amazing Footrace“, hat aber ausgedehnte Anhänge und ein präzises Quellenverzeichnis. Wer also nachschlagen will, zum Beispiel die Startliste, in der auch sieben Deutsche verzeichnet sind, Fred Kamier, Alfred Middlestate, Frank Nagoski, George Rehayn, A. Rothschild, Herbert Tiedoke und Kurt Zimmer (Rehayn unter den Finishern), ist mit „Bunion Derby“ besser bedient. Die scherzhafte Bezeichnung „Bunion Derby“ hat das Transamerika-Rennen von den Journalisten jener Zeit erhalten; Bunion bedeutet entzündeter Fußballen. Beim Transamerikalauf sind alle möglichen Beschwerden aufgetreten, auch die Shin splints, versteht sich, nur eben gerade keine entzündeten Fußballen. Wahrscheinlich war die damalige Journalisten-Generation keinen Deut seriöser als die heutige.Aus beiden Bänden wird, anders als im Roman, der Rassismus in den USA deutlich, der in den zwanziger Jahren viel konkreter war als der bis zur Nazizeit nur ideologische Antisemitismus im Deutschen Reich.

Außer den beiden genannten Neuerscheinungen ist bereits im Jahr 2003 unter dem Titel „The Great American Bunion Derby“ eine Biographie über Andrew Hartley Payne erschienen, den Sieger des Transamerikalaufs 1928, einen Abkömmling der Cherokee-Indianer. Er hat die etwa 5470 Kilometer in 573:40 Stunden bewältigt. Die emotionale Darstellung durch Molly Levite Griffis liest sich zwar gut und ist auch durch Jim Ross verifiziert worden, kann aber den Anspruch einer Dokumentation, den die beiden Neuerscheinungen erheben, nicht erfüllen. Man kann diesen dünnen Band, der sich wohl in erster Linie an eine jugendliche Leserschaft wendet, also nur als Ergänzung betrachten. Immerhin, der Transamerikalauf ist nun gründlich thematisiert; doch es hat bis zu den wissenschaftlich korrekten Darstellungen nahezu 80 Jahre gedauert. Und wer weiß, vielleicht wäre das Laufspektakel ohne den Roman von Mc Nab in der breiten Öffentlichkeit vergessen.

W. S.

Tom Mc Nab: „Transamerika“. Aufbau Verlagsgruppe Berlin, 2008, geb., 551 S. 22,95 €. ISBN 978-3-351-03242-5
Geoff Williams: „C. C. Pyle’s Amazing Footrace. The True Story of the 1928 Coast-to-Coast Run across America”. Rodale New York, 2007, geb., 228 S., ill., etwa 20 €. ISBN 978-1-5986-319-6
Charles B. Kastner : „Bunion Derby. The 1928 Footrace across America“. University of New Mexico Press Albuquerque, 2007, geb., 242 S., ill., etwa 20 €. ISBN 978-0-8263-4301-7
Molly Levite Griffis: “The Great American Bunion Derby”. Eakin Press, 2003, broschiert, 88 S., ill., etwa 22 €. ISBN 1-57168-801-3


Anatomie eines Extremläufers
Ein Buch über Achim Heukemes


Zum Laufen geboren sind wir im Grunde genommen alle. Manche besinnen sich bei einer Lebensumstellung darauf. Achim Heukemes hat sich „Born to run“ auf den Oberarm tätowieren lassen. Erst war das Fahren eines Lastzugs sein Traum, dann das Motorrad, und als er das Laufen entdeckt hatte, blieb er dem Asphalt treu. Achim Heukemes ist ein Straßenläufer, und was für einer. Seine Fernläufer-Leistungen sind im Anhang eines Buches aufgelistet, das der Psychotherapeut Ulfilas Meyer, auch er ein Läufer, mit ihm zusammen gemacht hat. Nichts gegen ein solches einem einzigen Läufer gewidmetes Buch, das seinen eigentlichen Wert erst in späteren Jahren gewinnen wird, so wie man sich erst heute zum Beispiel für Mensen Ernst interessiert. Doch über Yiannis Kouros, den weltbesten Ultraläufer, gibt es kein Buch, Siegfried Bauer ist vergessen, und derselbe Verlag hat meinen Vorschlag, ein Buch mit Stefan Schlett zu machen, der drei Kontinente durchquert hat und seit über zwanzig Jahren im Geschäft des Extremsports ist, abschlägig beschieden. 

Die Aufsehen erregenden Leistungen von Achim Heukemes beschränken sich bisher auf einen Zeitraum von nur fünf Jahren, denn erst 1998, im Alter von 47 Jahren, begann er mit seinen Fernläufen, damals mit der Durchquerung Italiens vom Brenner bis Sizilien, 1770 km in 16 Tagen, das macht 110 km am Tag. Ein Jahr später entschloß er sich, Laufen zum Beruf zu machen. Noch Carl Diem hatte solche Berufssportler als Schausteller des Sports bezeichnet. Nun ist der Bogen von den Kunstläufern des 18. und 19. Jahrhunderts zu den Berufsläufern einer Medienlandschaft geschlagen. 

Achim Heukemes kommt für seine Vermarktung zupaß, daß sich ein Psychologe für ihn interessiert hat. Daher enthält denn diese Lebensbeschreibung kaum eine Beschreibung läuferischer Leistungen. Achim Heukemes hat sich dem Psychologen geöffnet, und dieser faßt die Äußerungen professionell zusammen und interpretiert sie. Herausgekommen ist damit ein nicht uninteressantes Buch; doch hat dieses Läuferprofil fast keinen allgemeinen Aussagewert. Andere Extremläufer werden ein ganz anderes Profil aufweisen. Stellenweise haben die psychologischen Kommentare auf mich wie ein Patientenbericht gewirkt. 

Achim Heukemes wird zwar als Solist dargestellt, der seine Läufe von der Planung bis zur Vermarktung zu einem Gesamtkunstwerk macht; aber er kommt um die Beteiligung an Wettbewerben nicht herum. Nur so kann er Rekordinhaber oder Meister werden, um sich besser vermarkten zu können - denn vom Laufen zu leben, ist anders als beim Tennis oder im Motorsport ziemlich mühsam. Wenn Heukemes in der Statistik selbst belanglose Marathons in Bad Füssing oder Göppingen erwähnt, ist um so verwunderlicher, daß er noch nie beim Spartathlon gestartet ist, wo nun wirklich jeder sein individuelles Rennen läuft; auch die Teilnahme am Transeuropalauf hatte ich erwartet. Mit 5753 km in 55 Tagen, die er im Jahr 2000 bei seiner Europadurchquerung zurückgelegt hat, hätte er die Chance auf einen Sieg gehabt. Hat das Ego einen Vergleich mit anderen nicht zugelassen? Insofern ist das „Innenleben einer Laufmaschine“ - mir gefällt dieser die psychologische Absicht konterkarierende Titel auf der Rückseite nicht - keineswegs enthüllt. 

W. S.

Ulfilas Meyer: Born to Run. Zum Laufen geboren. Aus dem Leben des Extremläufers Achim Heukemes. rororo Paperback, 2003. 190 S., 12 Euro. ISBN 3-499-61543-6


PS. Achim Heukemes hat im Jahr 2009 den Transeuropalauf über 4500 Kilometer auf dem 13. Platz als sechstbester Deutscher in 488:51:11 Stunden bewältigt.


Kein Laufbuch, aber das Buch eines Läufers

Ein Buch mit dem Titel "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" legt nicht unbedingt nahe anzunehmen, es handle sich um ein Laufbuch, eines unter vielen. Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami schildert zwar die Bedeutung, die das Laufen für ihn und vor allem für seine schriftstellerische Arbeit hat, aber er kann nicht die Kompetenz beanspruchen, die man von einem Buch über das Laufen erwartet. Jedes Jahr einen Marathon, zusammen 25, und ein einziger 100-km-Lauf - das ist, wie einige Triathlone, aller Ehren wert, aber damit kann man laufenden Lesern nur ein müdes Lächeln entlocken. Mit der Physiologie des Laufens scheint sich der Autor gar nicht erst abgegeben zu haben; von „schnellen“ und von „langsamen“ Muskelfasern hat er wohl nichts gehört - er wundert sich nur. Herburger übersetzt Fachbegriffe in Poesie, Murakami vermeidet sie. Anders als der "Ultramarathon Man" von Dean Karnazes hat Murakamis Buch keine informatorische Substanz. Ist es vielleicht Literatur?

Fast alle von uns müssen sich an die deutsche Übersetzung halten. Sie vermittelt den Eindruck der Offenheit und Ehrlichkeit des Autors - und auch der Bescheidenheit. Das finde ich überaus sympathisch. Der „Ultramarathon Man“ dagegen beeindruckt mich nur, menschlich berührt er mich nicht. Karnazes mag zwar Autor eines Bestsellers geworden sein, aber ein Literat ist er nicht. Murakami dagegen ist von Haus aus ein angesehener Autor; 13 seiner Romane und Erzählbände liegen in deutscher Übersetzung vor. „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ will jedoch offenbar keine Literatur sein. Das ohnehin nicht umfangreiche Buch enthält auch Aufzeichnungen, die bei anderer Gelegenheit entstanden sind, und es findet sich viel Tagebuch-Redundanz (Beispiel: „Als wir in den USA lebten, hat eine Dame, die als Assistentin in unserem Büro in Tokyo arbeitete, plötzlich ihre Kündigung eingereicht, da sie Anfang nächsten Jahres heiraten will, und ich muß mich nach Ersatz umsehen“). Selbst der eingängige Titel ist, wofür sich der Autor bedankt, nur eine Abwandlung des Titels „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ (Raymond Carver). Die Übersetzung möchte ich als gediegen bezeichnen; dennoch ärgern mich gerade bei dem Text eines doch wohl anspruchsvollen Schriftstellers Nachlässigkeiten im Umgang mit der deutschen Sprache. „An so einem heißen Ort“ ist einem solchen Text unangemessen, „wegen mir“ ist falsch, auch wenn wegen umgangssprachlich häufig im Dativ gebraucht wird; an anderen Stellen verwendet die Übersetzerin durchaus den Genitiv. Der Gebrauch des prätentiösen Ansonsten statt des schlichten „sonst“ hat sich nachgerade bei uns eingeschliffen, hat aber mit dem Wandel der Sprache nichts zu tun, es ist im Gegenteil ein unbegründbarer Historismus. Darf man voraussetzen, daß auch jeder der Leser, die mit dem Dampfradio aufgewachsen sind, weiß, was ein iPod ist? In zwanzig Jahren, wenn wieder einmal eine neue Technologie neue Begriffe prägt, wird man erst recht nicht wissen, was ein iPod ist. Die Übersetzerin des laufenden Murakami weiß offenbar nicht, was ein Sechserschnitt bei Läufern bedeutet. Murakami ist seinen Hunderter am Saroma-See auf Hokkaido auf der ersten Hälfte in dieser Geschwindigkeit gelaufen und hat sich etwa zehn Stunden Laufzeit für die 100 Kilometer ausgerechnet. Die Übersetzerin macht aus dem Sechserschnitt, nämlich 6 Minuten für den Kilometer, einen „Schnitt von sechs Kilometern pro Stunde“; das hätte fast 17 Stunden Laufzeit bedeutet und bei dieser Veranstaltung zur vorzeitigen Beendigung des Laufes geführt. Der Widerspruch ist niemandem aufgefallen. Wenn man bedenkt, daß anspruchsvolle Zeitschriften eine Dokumentationsabteilung unterhalten, verdrießt mich, wie oberflächlich in Lektoraten mit den Texten von Läufern umgegangen wird.

Was also ist „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“? Kein Laufbuch, keine Literatur. Es ist die Biographie eines Läufers, der zufällig Schriftsteller ist. Auf 8 Farbseiten kann man ihn bei seinen Aktivitäten sehen. Immer wieder - und das ist das Positive - werden laufende Leser mit dem Kopf nicken: Ja, so ist es. Murakamis Empfindungen sind die Empfindungen, die jeder von uns hat. Wer möchte ihm nicht zustimmen: „Von allen Dingen, die ich mir im Laufe meines Lebens zur Gewohnheit gemacht habe, ist das Laufen die hilfreichste und sinnvollste, das muß ich zugeben. Über zwanzig Jahre Langstrecke zu laufen hat mich stärker gemacht, sowohl körperlich als auch emotional.“ Und bei dem Satz „Gegen andere anzutreten bedeutet mir nicht viel“ erkenne ich einen Bruder im Geiste und ebenso in dem Satz, nichts von dem, was ihm (im Bildungsangebot) aufgenötigt worden sei, habe ihn wirklich interessiert.
Leser der literarischen Texte Murakamis werden in dem Läuferbuch die Gelegenheit sehen, sich ihrem Autor biographisch zu nähern und Einblick in kreative Prozesse zu bekommen. Der Gedanke, daß beim Romanschreiben Gift abgesondert werde, und die daraus folgernde These „Ein ungesunder Geist braucht einen gesunden Körper“ sind nachdenkenswert. Die Verknüpfungen von Laufen und Schreiben erinnern stark an John Irvings „Die unsichtbare Freundin. Vom Ringen und vom Schreiben“. Tatsächlich ist Murakami mit dem sieben Jahre Älteren gemeinsam schon im Central Park gelaufen. Ob nun die Biographie eines engagierten Läufers, auch wenn er ein angesehener Schriftsteller ist, hierzulande wirklich interessiert, muß wohl individuell entschieden werden. Auf jeden Fall: Das Laufen ist nun auch über die laufenden Literaten in der Literaturgeschichte angekommen. Hoffentlich merken es die Literaturkritiker. 

W. S.

Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Buchverlag, 2008, geb., 165 S., 16,90 €. ISBN 978-3-8321-8064-5.


Jahrhunderte lang Volkssport Laufen - bei den Indios

Während in Europa das Laufen Jahrhunderte lang fast nur eine Profession war, nämlich das Handwerk von Boten, oder in Form von ständischen Läufen und Hurenläufen mit einer Profession zusammenhing, war auf dem amerikanischen Kontinent Laufen tatsächlich Volkssport - bei den Indios. Zwar gab es auch hier Botensysteme, bekannt sind insbesondere die Chasqui, die nicht nur Nachrichten, sondern auch frischen Fisch vom Pazifik in die Inka-Residenz in den Anden beförderten; aber Laufen wurde auch als Gemeinschaftserlebnis betrieben. Sofort fallen einem die Tarahumaras in der mexikanischen Sierra de Madre ein. Wer da meint, dies sei eine Ausnahme gewesen - diese Ansicht habe ich tatsächlich gehört -, kann sich durch eine schon seit längerem vorliegende Monographie eines anderen belehren lassen. Der Autor, damals Doktorand an der University of California, in Berkeley, hat sich durch verschiedene Veröffentlichungen über Leben und Kultur amerikanischer Ureinwohner unter interdisziplinären Aspekten einen Namen gemacht. Er ist also davor gefeit, etwa als engagierter Läufer das Thema überhöhen zu wollen. Peter Nabokov führt seine Leser zu den mystischen und symbolischen Wurzeln des Laufens bei den verschiedenen Indio-Bevölkerungen, außer den Tarahumaras insbesondere den Hopi und den Navajo, und schildert verschiedene Ausprägungen von Laufwettbewerben, wobei uns das Laufen mit Baumstämmen oder die gemeinschaftliche Fortbewegung einer Hartholzkugel beeindruckt. Eine Art roter Faden bildet dabei ein Traditionsrennen, der Tricentennial Run im Jahr 1980. Ihm ist eine Anzahl Illustrationen zu danken. Nabokov hat jedoch auch im Bild zahlreiche historische Quellen erschlossen. 

Allein das „Diagonallesen“ vermittelt den Eindruck einer faszinierenden anthropologischen Monographie. Wer die Mühe einer fremdsprachigen Lektüre nicht scheut, profitiert von dem Band, und sei es durch die Erkenntnis: Was immer sich in unseren Städten einmal im Jahr abspielt und auf Landschaftsläufen manifestiert, so originell, wie wir uns das einbilden, ist das alles gar nicht. Die Indios liefen uns da voraus. 

W. S.

Peter Nabokov: Indian Running. Native American History & Tradition. Ancient City Press, Santa Fee, New Mexico, 1987. Paperback. ISBN 0-941270-41-6. Bei Amazon 14,41 Euro


Captain Barclay - ein Ahnherr der Ultras

Die Monographie eines bekannten britischen Sporthistorikers schildert das Leben eines berühmten Pedestrianisten, also eines jener Männer, die Ende des 18. und im 19. Jahrhundert das Laufen zu ihrem Lebensinhalt gemacht und versucht haben, Grenzen auszuloten. Sie waren, da sie um Preisgelder liefen, gleichzeitig Ahnen unserer heutigen Berufssportler. Nicht allein der Herausforderung wegen, sondern auch, wie es dem Zeitgeist entsprach, einer Wette willen wagte sich Robert Barclay im Alter von 30 Jahren an das Vorhaben, gegen James Wedderburn-Webster 1000 Meilen in 1000 Stunden zu laufen, und zwar um 1000 guineas (das entspricht etwas über 1000 Pfund). Im Falle des Sieges winkten immerhin 16000 guineas Wettgelder, sie hätten für die breite Masse dem Einkommen aus fast 320 Jahren entsprochen.. Und nimmt man alle Einsätze der auf Barclay wettenden gentlemen, unter ihnen der Prince of Wales, zusammen, so waren 100 000 Pfund im Spiel, nach unseren heutigen Lebensverhältnissen entspräche das 59 Millionen Euro. Man sieht, Laufen war schon ein Ereignis.

Robert Barclay Allardice, einer uralten schottischen Familie entstammend, hätte nicht des Geldes wegen laufen müssen. Doch er hatte schon in der Jugend Sport betrieben und verkehrte dann, als er nach dem frühen Tod seines Vaters bereits im Alter von 21 Jahren das Oberhaupt der Familie geworden war, in einem Kreis sporttreibender Freunde. Der Autor, Peter Radford, zeichnet an Hand zahlreicher historischer Quellen nicht nur das Leben des Captain Barclay nach, sondern entwirft auch ein farbiges kultur- und sittengeschichtliches Gemälde jener Zeit, in der außer dem Laufen das Boxen, der Pugilismus, eine Rolle spielte, nämlich die einer Trendsportart, wie man heute sagen würde. Auch in die Boxgeschichte ist Captain Barclay eingebunden; er trainierte sowohl Läufer als auch Boxer. Wer also den Blick nicht nur auf einen Extremläufer des frühen 19. Jahrhunderts richtet, erfährt hier viel über die Frühgeschichte der „Sports“ in Großbritannien. Englische Sachbücher zeichnet aus, daß sie schnörkellos geschrieben sind und uns Deutschsprachigen daher das Verständnis erleichtern, so auch dieses. 

W. S.

Peter Radford: The Celebrated Captain Barclay. Sport, Gambling and Adventure in Regency Times. Headline Book Publishing, 2001. 342 S. TB. Bei amazon.de 12,35 Euro (ohne Porto). ISBN 0-7472-6490-2


TE-FR-Protokolle

Bereits vor dem Transeuropalauf (2003) war das Buch darüber angekündigt worden; schreiben sollte es Jürgen Ankenbrand, der für die Public relations des Transeuropalaufs zuständig war. Nur leider hat wohl keiner rechtzeitig gemerkt, daß seine Muttersprache in den USA erheblich Not leidet; das stellte sich erst bei der täglichen Berichterstattung heraus. Und wie immer, wenn bei diesem Unternehmen Not am Mann war, - Ingo Schulze, der Chef-Organisator, machte nun auch das Buch selbst. 

Der Weg zum Buch ist heute leicht. In wenigen Tagen, ja, man kann sagen, in Stunden läßt sich das, was man am Computer getippt hat, in Drucktypen konvertieren, am Bildschirm umbrechen, auf einem Automaten drucken und durch die Bindestraße schieben, fertig. Der jüngste Schritt - der Anfang liegt auch schon wieder Jahre zurück - ist, daß man preiswert Kleinauflagen herstellen kann, ja nur die Menge zu drucken braucht, die gerade gebraucht wird, und sei es ein einziges Exemplar. Dieses book-on-demand-Verfahren (Bod) ist von der Engelsdorfer Verlagsgesellschaft mit gutem Recht in BaB (= Buch auf Bedarf) eingedeutscht worden. Die Gefahr bei BaB ist jedoch, daß ein Buch schneller realisiert werden kann, als der Autor oder Herausgeber zu denken imstande ist. Der auf diesem Gebiet unerfahrene Ingo Schulze (nicht zu verwechseln mit einem Schriftsteller desselben Namens!) ist dieser Gefahr voll erlegen. Die Arbeitsschritte früher hatten Zeit zu Nachbesserungen gelassen, wenngleich dann jeder Setzer dabei über Autoren und Lektoren geflucht hat, die ihr Werk nicht loslassen konnten. Heute liegt schwarz auf weiß vor, was wenige Tage zuvor im Rechner noch ein Chaos und sei es ein schöpferisches gewesen ist. Wer früher ein Buch verlegte, mußte erst einen Verlag finden, und der Verlag, der ja damit Geld verdienen wollte, optimierte das Werk durch sein Lektorat oder sogar eine Abteilung Dokumentation, und in der Druckerei saßen Korrektoren, die nicht selten in Orthographie besser beschlagen waren als mancher Deutsch-Lehrer. Auch wer heute zu einem jener Verlage geht, die ihr Geschäft überwiegend nur mit der Eitelkeit ihrer Kunden machen, wird dafür, daß er weit mehr als nur die Druckkosten zahlen muß, wenigstens durch einen Lektor entschädigt. Beim Book on demand ist häufig der Autor selbst Auftraggeber, und keine Kontrollinstanz steht dazwischen. Jedes falsche Komma wird vom Rechner ungebremst in den Druck übertragen. Ach, was rede ich von Kommata. Die Leser werden es ja selbst sehen. Allerdings meine ich, in der seriösen Verlagsstadt Leipzig hätte sich jemand finden müssen, der den Autor auf seine Schwäche aufmerksam gemacht hätte. Da in der Laufszene einiges publiziert wird, das von Professionalität weit entfernt ist, scheinen mir diese Bemerkungen als konstruktiver Beitrag angebracht. 

Zum Inhalt: Wer sich über den Transeuropalauf informieren wollte, hat dazu reichlich Gelegenheit gehabt - vom Internet bis zu Zeitungsartikeln und Fernsehbeiträgen. Ein Buch muß also nicht mehr ausführlich über Bekanntes informieren. Gleichwohl sollte es eine Dokumentation darstellen. Doch wen interessieren Gesprächsprotokolle von den vorbereitenden Reisen nach Lissabon und Moskau? Es ist ja erfreulich, daß sich Ingo die Namen der vielen Gesprächspartner gemerkt hat - darum beneide ich ihn -, aber was bringt das den Lesern eines Buches ein Jahr später? 

Das Buch beginnt mit Schwung, das Vorwort ist bereits ein Resümee, während man eine Zusammenfassung am Schluß vermißt. Die Aspekte, die Ingo Schulze bei seiner Rückbesinnung abdeckt, sind das, was Mehrtage-Läufer erwarten. Der Autor läßt es dabei an Realismus nicht fehlen. Die spröde Teilnehmersatzung mag als Dokumentation akzeptiert werden. Einen wertvollen Beitrag hat Markus Müller mit einem Rückblick auf die bisherigen Transkontinentalläufe geleistet. Dann aber werden die Schwächen des Buches überdeutlich. Eine davon ist: Ingo Schulze unterbricht eine Darstellung durch seinen Kommentar, und man weiß nicht, wo ein Zitat aufhört und Ingo Schulze wieder in Erscheinung tritt. Es kommt immer wieder zu überflüssigen Wiederholungen. Wir wissen nun seit der Titelseite, daß Ingo Schulze den Transeuropalauf organisiert hat; auf Seite 52 wird es uns mitgeteilt. Und als ob wir das nicht auf Seite 52 gelesen hätten, wird auf Seite 53 berichtet, daß Manfred Leismann die Strecke geplant habe. Leismann schildert später ohnehin ausführlich seine Vermessungsreisen. Und damit beginnt das Klein-Klein. Wen interessiert noch die Mahnung an die Fahrer: Denkt an die Grüne Versicherungskarte! Und daß man sich wegen medizinischer Fragen an Dr. Z. wenden solle. Beim nächsten Mehrtage-Lauf wird es sicher ein anderer Arzt sein. Manche Information, die scheinbar mit dem Lauf nichts zu tun hat, ist hingegen durchaus angebracht. Ich habe hier zum erstenmal die Umstände des Todes von Guus Smit erfahren. Insgesamt jedoch hinterläßt das Buch den Eindruck, sein Autor habe alle seine Protokolle und Gesprächsnotizen chronologisch aneinandergereiht. 

Erst auf Seite 139 beginnt des 303seitigen Buches beginnt der Transeuropalauf. Und damit beginnt die Dokumentation von Unzuträglichkeiten - Ingo Schulze läßt Dampf ab, fortan beinahe auf jeder Seite. Ob beispielsweise sein Seitenhieb auf Teilnehmer, die sich in einem Lokal deshalb zu ihm gesetzt hätten, damit er die Zeche für sie zahle, berechtigt ist, mag die Betreffenden etwas angehen, aber die Leser interessiert es nicht im geringsten. Nicht, daß seine Klagen über die Ansprüche oder die Uneinsichtigkeit von Teilnehmern und auch über die Verhältnisse in Weißrußland und Rußland nicht berechtigt erschienen - doch da Humor seine Sache nicht ist, stellt sich beim Leser - jedenfalls mir ist es so ergangen - schließlich Mitleid ein. Ist es das, was ein solches Buch erreichen will? Ich habe den Eindruck, daß ein kräftiges Donnerwetter unterwegs die offenbar gewitterschwüle Atmosphäre der Gruppe bereinigt hätte. Stattdessen hat er sich den Ausdruck dessen, daß er die Schnauze voll habe, bis zuletzt aufgespart, und das war nun sicher der falscheste Zeitpunkt. Ingo Schulze erklärte seine Aufgabe mit dem Frühstück am Tage nach der Ankunft in Moskau für beendet. Er nahm an dem Programm des Allrussischen Tages nicht mehr teil und blieb auch abends dem Empfang in der Deutschen Botschaft fern. Damit endete der TE-FR (Transeurope Footrace) mit einem - vorsichtig gesagt - Mißklang. Wenigstens jedoch nicht wie der erste Transamerikalauf mit einem finanziellen Desaster; Respekt vor dem Mut zum Risiko, das Ingo Schulze übernommen hat, und Respekt, daß er sich nicht zu unüberlegten Geldausgaben verführen ließ, auch wenn dies manches Problem vor Ort verringert hätte. 

Das Buch vermittelt den Eindruck, daß es bei diesem Unternehmen nicht im geringsten zu einer gemeinsamen Bewältigung einer riesigen Aufgabe gekommen ist. Ein gruppendynamischer Prozeß, der schließlich in Solidarität und die Freude an der Meisterung der Schwierigkeiten gemündet wäre, ist wohl ausgeblieben. Weshalb? - diese Frage wird gar nicht erst gestellt; es fehlt die objektivierende Sicht, die man nach zeitlicher Distanz erwartet. Schon deshalb hinterläßt die Abrechnung durch Ingo Schulze einen zwiespältigen Eindruck, zumal wenn über Unwesentlichem der Sturz Manfred Leismanns, der sich eine Platzwunde nähen lassen mußte, schlicht unerwähnt bleibt. Möglicherweise hat es tatsächlich an Kommunikation gefehlt. Sicher, man muß zum Beispiel nicht eigens sagen, daß der Lauf durch die Benützung der Weser-Fähre unterbrochen würde, es stand ja in der Streckenbeschreibung; doch solche Hinweise bei einem täglich abzuhaltenden Briefing hätten das Gemeinschaftsgefühl fördern können. Und daß den letzten die Schnitzel weggegessen wurden, hätte man vor Ort rügen sollen und nicht erst in einem Buch, das schließlich über die Jahre Bestand haben sollte. 

Veranstalter und Teilnehmer von Mehrtage-Läufen können Erkenntnisse immer nur aus dem schöpfen, was Ingo Schulze mißfallen hat oder ohne seine Schuld mißlungen ist. Eine sachliche Analyse mit generellen Ableitungen für künftige, auch kleinere Projekte ist nur im Ansatz erkennbar. Es ist ein Buch des Organisators Ingo Schulze, ja, aber es kann nicht den Anspruch erheben, das läuferische Abenteuer des Transeuropalaufs darzustellen. Es hätte dem Autor gut zu Gesicht gestanden, wenn er, statt Außenstehende wie mich zu zitieren (fehlerhaft) - ich habe meine Tagebucheintragungen ja nur an Hand von dem machen können, was ich bei Steppenhahn gelesen habe -, vor allem die Teilnehmer selbst hätte zu Wort kommen lassen. Günter Böhnke hat wohl am intensivsten vor und während des Laufes reflektiert, selbst seine SMS-Nachrichten sind mit ihrer Prägnanz lesenswert. Böhnke wird jedoch nur mit einem einzigen Satz zitiert. Aus der Gegenüberstellung von Stefan Schletts „bescheuertstem Lauf“ in dessen Bericht oder Martin Wagens Tagebuch-Auszügen einerseits und Ingo Schulzes täglichem Kampf mit den zermürbenden Realitäten andererseits wäre nicht nur Spannung für den Leser erwachsen, sondern auch die Spannung während jener 64 Tage widergespiegelt worden.

Unverständlich bleibt, weshalb das Buch, bei dem sich eine Illustrierung geradezu aufdrängt, ganze 3 Bilder von dem Lauf enthält. Helmut Linzbichler hat in seinem empfehlenswerten und nur 141 Seiten starken Buch „Der Transamerikalauf“ sehr wohl gezielt zahlreiche Bilder zur Information eingesetzt. An fehlendem Bildmaterial kann es ja, da Jürgen Ankenbrand als offizieller Fotograf vorgestellt worden ist, nicht gelegen haben und bei soviel Redundanz auch am Platz nicht. 

Eines jedoch ist Ingo Schulzes Abrechnung zu attestieren: Es ist ein authentisches Buch. Besseres läßt sich leider nicht sagen. Ich habe es zweimal gelesen, lesen müssen, weil ich nicht nur den potentiellen Lesern, sondern auch den Verdiensten des Autors gerecht werden wollte. Ich sehe durchaus noch Raum für ein weiteres Buch über den Transeuropalauf.

W. S.

Ingo Schulze: Transeuropalauf 2003. Lissabon - Moskau 5036 km in 64 Tagesetappen. Engelsdorfer Verlagsgesellschaft, BaB-Edition, 303 S. ISBN 3-937290-71-0. 15,95 Euro.

PS. Das von Ingo Schulze im Jahr 2009 organisierte Transeurope-Footrace von der italienischen Stiefelspitze zum Nordkap hat ein erheblich besseres Bild geboten. Nach Auswertung der medizinischen Untersuchungen wäre ein neues Buch fällig.  

Jubiläumsschrift zum Spartathlon

20 Jahre Spartathlon sind für die Internationale Spartathlon–Association unter ihrem Präsidenten Panagiotis Tsiakiris der Anlaß gewesen, eine sowohl informative als auch repräsentative Dokumentation vorzulegen. Sie ist als Erinnerungsgabe an die Teilnehmer des Spartathlons gedacht. Damit sollen deren Anstrengungen anerkannt werden, die sie ohne finanziellen Vorteil vollbracht haben, wie es im Vorwort heißt. Die Dokumentation greift zurück auf die Wurzeln, die hohe Kultur der Leibesübungen in der griechischen Antike. 

Authentisch dargestellt wird der Ursprung des Spartathlons, jene Idee des britischen Luftwaffen–Commanders John Foden, der griechische Geschichte studiert und Herodots Bericht über den Botenläufer Pheidippides, der von Athen nach Sparta geschickt worden war, beim Wort genommen hat. An Hand der damaligen Machtverhältnisse versuchte er, die Route, die keinesfalls an der Küste entlang führen durfte, zu rekonstruieren. Ein Stein fehlte ihm noch für das laufhistorische Mosaik: War es denn möglich, daß Pheidippides die 250 Kilometer in einer Zeit zurücklegte, die „bis zum Abend des nächsten Tages, nachdem er Athen verlassen hatte“, reichte, also in ungefähr 36 Stunden? Zusammen mit Kameraden machte Foden am 1./2. Oktober 1982 die Probe aufs Exempel. Siehe da, John Scoltens (Scholten) kam in 34 Stunden und 30 Minuten an, John Foden brauchte 37 Stunden und 37 Minuten (danach hätte ich ja Aussicht, daß mein drittes, verspätetes Finish noch in die nationalen Annalen einginge) und John McCarthy 39 Stunden. 

Während eines Gedenklaufs erzählte mir John Foden auf dem Wege nach Korinth, das größte Problem sei damals gewesen, daß das griechische Obristenregime alles Kartenmaterial eingezogen gehabt habe. Die Route wird beschrieben – eine gute Einführung für künftige Spartathlon–Teilnehmer. Den Hauptteil nehmen dann die Namen und Leistungen der Finisher ein, voran Yiannis Kouros, der hier mit 20:25 Stunden das Maß setzte. Bis 2002 haben 894 Läuferinnen und Läufer aus aller Welt das Ziel erreicht, Mehrfach–Zieleinläufe inbegriffen. 61 Deutsche (ohne Mehrfach–Teilnahmen) haben den Spartathlon in Sparta beendet; einer von ihnen, Jens Lukas, hat ihn 1999 gewonnen (schade, daß in dieser Dokumentation manche Namen, so auch seiner, verstümmelt sind). In der Ultramarathon–Literatur dürfte dieses Ehren–Album zu einer Kostbarkeit werden.

W. S. 

Internationale Spartathlon Association (Hrsg.): Spartathlon 1983 – 2002. Griechisch und englisch. A 4, 96 S., geb. Nicht im Handel. International Spartathlon Association: Mr. P. Tsiakiris, 7 Kodrou Str., P.O. Box 30125 T. K. 10033 Athens, Greece. spartathlon@freemail.gr


Theoretiker der Lauf-Gesundheit

An Persönlichkeiten kann man sehr wohl - als Antithese zur materialistischen Geschichtsauffassung - Geschichte festmachen. Laufgeschichte ist nicht nur die Geschichte von Läufern und des Laufens. In dem Band „Warum Cooper Aerobics erfand“ werden elf große Theoretiker der Lauf-Gesundheit oder vielmehr des Gesundheitslaufs dargestellt; in ihren theoretischen Interpretationen, der Wirkung ihrer Publikationen und Aktivitäten, spiegeln sich Facetten und Entwicklungen des Gesundheitslaufes.
Für jeden der elf Porträtierten gibt es gute Gründe, ihn in einen solchen Band aufzunehmen. Nur wo wird aus der Praxis die Theorie, wie grenzt man Theorie von der Praxis ab? Abgesehen davon, daß ich als Autor eines Beitrags diesen Band nicht objektiv rezensieren kann, bestünde der kritische Ansatz in der Problematik der Auswahl. Nicht, daß nicht jeder der elf seinen Platz verdiente: Ernst van Aaken, Kenneth H. Cooper, Arthur Lydiard, John H. Greist, Thaddeus Kostrubala, George A. Sheehan, Alexander Weber, Joan L. Ullyot, Gerhard Uhlenbruck, Carl-Jürgen Diem und Dieter Kleinmann. Doch ist die Geschichte der Lauftheorien nicht von vielen mehr geschrieben worden? Muß man nicht mit GutsMuths beginnen, geht die Bewußtmachtung der Körperlichkeit nicht auf Rousseau zurück? Haben nicht Hufeland, Seume, Schopenhauer kluge Gedanken zur Bedeutung des Bewegungstrainings beigesteuert? Hat nicht Carl Diem durch sein Vorbild und seine Aktivitäten im „Komet“ Grundlagen des Volkslaufs gelegt, indem er den Sport von der „Schaustellerei“ abhob? Markiert Otto Hosse nicht den Beginn der deutschen und schließlich international ausstrahlenden Volkslaufbewegung? Haben Arthur Lambert, der als Trainer das Ausdauertraining in den Vordergrund stellte und der Interessengemeinschaft älterer Langstreckenläufer vorstand, sowie der Druckerei-Besitzer Enzio Busche die Lauftreffs ins Leben gerufen, die Jürgen Palm dann zum Schwerpunkt einer seiner DSB-Aktionen machte? Solche Namen stehen auch für diejenigen, die entweder sich selbst vom Läufer-Marktplatz zurückgezogen haben - wie Professor Klaus Jung - oder in die Vergessenheit gedrängt worden sind - wie Dr. Hans-Henning Borchers, der Gründungs- und langjährige Vorsitzende des Deutschen Verbandes langlaufender Ärzte und Apotheker. Sie alle waren nicht nur kraft ihrer Funktion Theoretiker des Gesundheitslaufes, sondern ihrer eigenständigen Beiträge wegen. Auch Manfred Steffny, der Laufjournalist und Verleger, ist mehr als nur ein reproduzierender Journalist gewesen. Die wissenschaftlichen Untersuchungen insbesondere in der DDR (Siegfried Israel) erbrachten wichtige Grundlagen, von denen die Gesundheitspolitik erst heute profitiert. Kurz, leicht ließe sich ein dickleibiges Handbuch „Who is who?“ der Theoretiker zusammenstellen und bis in die Gegenwart fortführen.

Es ist das Verdienst der beiden Herausgeber, es nicht beim Nachdenken über Möglichkeiten belassen, sondern die Idee - in welcher Form auch immer - umgesetzt zu haben. Auf diese Weise ist ein eigenständiger Band zur Theorie des Gesundheitslaufs entstanden, mit dem eine Anzahl von Details, Erinnerungen, zum Teil auch persönlichen Einschätzungen der Vergessenheit entrissen wird. Die diffus erscheinende Entwicklungsgeschichte hat Gesichter bekommen. 

Der Titel leitet sich von Kenneth H. Cooper her, der für die amerikanische Luftwaffe einen Fitneß-Test und ein Trainingsprogramm entworfen hat, wobei er mit dem Begriff „Aerobics“ die grundsätzliche Bedeutung des aeroben Trainings betonte. Er goß damit Erkenntnisse in ein System, die vorher schon Ernst van Aaken in der Bundesrepublik Deutschland, allerdings ohne ausreichende wissenschaftliche Unterfütterung, postuliert hatte. George Sheehan war der philosophische Kopf der amerikanischen Laufbewegung. Thaddeus Kostrubala entdeckte am eigenen (massigen) Leib die psychischen Wirkungen des Laufens - Wolfgang Schüler hat das sehr anschaulich geschildert -, John H. Greist arbeitete über das Thema Laufen und Depression. Joan L. Ullyot, die einzige Läuferin unter den elf, förderte den Frauenlauf. Arthur Lydiard und Carl-Jürgen Diem (Klaus Richter schildert das Darmstädter Modell) kamen von der Praxis her, blieben aber dabei nicht stehen. Der Immunbiologe Gerhard Uhlenbruck fand insbesondere im Alter zur Psychoneurobiologie unter dem Aspekt des Laufens und untersuchte mögliche Wirkungen auf Krebserkrankungen. Alexander Weber näherte sich dem Laufen auf dem Wege der Verhaltenstherapie und begründete das Deutsche Lauftherapiezentrum. In Dieter Kleinmann erblicke ich den praktischen Läuferarzt, der sich jedoch nicht auf seine internistische Praxis beschränkte, sondern sowohl eigene Einsichten als auch die jeweils aktuelle Literatur in Buch- und Zeitschriften-Veröffentlichungen dokumentiert. 

Ganz sicher präsentieren Alexander Weber und Wolfgang W. Schüler in den Porträtierten höchst unterschiedliche Ansätze und Konzepte; damit spiegeln sie die Vielfalt der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Laufen wider. Dennoch, es ist keine wissenschaftliche Publikation entstanden, sondern eine für jedermann lesbare Dokumentation. Einige Fragen, die an die noch erreichbaren Theoretiker gerichtet waren, fokussieren jeweils die Absicht der Herausgeber. 

W. S. 

Alexander Weber/ Wolfgang W. Schüler (Hrsg.): Warum Cooper Aerobics erfand. 11 große Theoretiker der Lauf-Gesundheit. LAS-Verlag, 2005. 184 S., kart. 14,80 Euro. ISBN 3-89787-169-6

Was Läufer so brauchen
Das erste umfassende deutschsprachige Ausrüstungshandbuch

An Urs Webers Ausrüstungshandbuch kann man erkennen, daß wir alle irgendwie unser Training professionalisiert haben. Unsere Ansprüche sind mit den Jahren gewachsen; zum Teil sind neue Bedürfnisse entstanden, denken wir nur an die Beliebtheit der Trail-Läufe; zum Teil haben uns spezielle Angebote von Herstellern überzeugt, denken wir nur an die Laufsocken. Nein, keine Klage, daß es die alte Turnhose und der baumwollene Trainingsanzug nicht mehr tun. Es kommt immer darauf an, was man aus seinem Sport macht. Sich hilfreicher Produkte zu bedienen, ist kein Verrat am eher puristischen Läufergeist. Anderenfalls müßten wir alle die Barfußläufer der frühen Menschheit geblieben sein.

Im Grunde muß man sich wundern, daß zwar Laufanleitungsbücher immer auch die Ausrüstung behandelt haben, spezielle Bücher darüber aber selten sind. Meines Wissens war Michael Rieländer, für dessen „Gesund durch Geländelauf“ ich nur Hohn und Spott hatte, der erste, der mit „Jogging-Ausrüstung: Komplett - modern - sportmedizinisch“ den Finger drauf hatte; das geschah erst 1986. Carl-Jürgen Diem war wohl der erste systematische Laufschuhtester; sein Beruf als Physiker war eine gute Voraussetzung dazu. Hätten die Amerikaner nur auf ihn gehört, bevor sie in den Siebzigern ihre weichen Schuhe auf den Markt brachten! Diem veröffentlichte zusammen mit Heinrich Hess 1989 den „Laufschuh-Ratgeber. Die zehn erfolgreichen Schritte. Was der Läufer beachten und wissen muß“. Zehn Jahre später erschien „Der optimale Laufschuh“ von Frank Czioska, einem Insider der Sportartikelindustrie.

Ein umfassendes Handbuch wie das von Urs Weber ist überfällig gewesen. Die Singularform eines der drei Untertitel ist berechtigt: „Einkaufstipps vom Experten“. Allenfalls könnte sein Vater dagegen Einspruch erheben; Professor Alexander Weber hat wie Carl-Jürgen Diem frühzeitig die Notwendigkeit erkannt, die Produkte der Laufschuhhersteller unter die Lupe zu nehmen und Läufern in der Flut der Werbeversprechungen Orientierung zu geben. Jahrzehntelang hat Alexander Weber mit einem Team Schuhe ausprobiert und die Ergebnisse in „Spiridon“ publiziert.

Urs Weber, einst in der „Spiridon“-Redaktion, ist seit zehn Jahren in der deutschen „Runner’s World“ mit Produkttests befaßt. Lesern von Laufzeitschriften fällt es gewöhnlich schwer, in meistens namenlosen Produktbesprechungen Kompetenz zu erkennen. Nicht selten werden Produkte ziemlich zufällig vorgestellt, nämlich allein deshalb, weil der Produzent eben sein Produkt an die Redaktion geschickt oder, ganz schlimm, gleichzeitig einen Anzeigenauftrag erteilt hat. Selten können die Leser sicher sein, daß nicht, wie bei Buchbesprechungen gang und gäbe, die Waschzettel der Produzenten abgeschrieben werden. Anders bei Urs Weber. Er ist in die Materie eingedrungen, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen, ist also kritisch, hat den Überblick und eine zwanzigjährige Erfahrung mit Produkttests. Der Austausch mit amerikanischen Produkttestern tut ein übriges, daß er wie kaum ein anderer in Deutschland hohe Kompetenz erworben hat. Manchmal bedauere ich, daß ihm damit ein Fulltime-Job auferlegt worden ist, weil nun seine munteren Laufreportagen ganz selten geworden sind. Wenigstens aber kommt sein Schreibtalent dem Buch zugute. Die Gefahr ist vermieden, daß wie bei Rieländer ein kommentierter Katalog herausgekommen wäre und der Band binnen kurzem unaktuell würde. Die zahlreichen Illustrationen haben überwiegend informatorischen oder dokumentarischen Wert.

Das Buch ist ein echter Ratgeber und holt die Leser dort ab, wo sie stehen, und zwar mit ziemlich unterschiedlichen Ansprüchen. Urs Weber geht darauf ein, er geht also vom Läufer und nicht vom Produkt aus. Erster Vorzug: die didaktische Aufbereitung. Er sagt nicht, was man haben „muß“, sondern was für welchen Zweck nützlich ist, und er gewichtet nach der Dringlichkeit. Zweiter Vorzug: Vermittlung von Warenkenntnis. Wer kennt schon das Innenleben seiner Laufschuhe? Wer mit dem Laufen beginnt und seine ersten Laufschuhe kauft, sollte vorher das Schuhkapitel lesen. Dritter Vorzug: Die vielen Tipps, zum Beispiel über die Reinigung, präzise Begriffserklärungen und die Antwort auf Fragen wie: Kann ich Laufschuhe reparieren? Vierter Vorzug: Der Wissenshintergrund. Es ist sicher nicht wichtig, die Entwicklungsgeschichte des Laufschuhs zu kennen. Doch uns Alte freut’s, und die erzählenden Einsprengsel fördern die Lesbarkeit und machen das Buch auch für diejenigen interessant, die schon „alles haben“. Fünfter Vorzug: Die breite Fächerung. Der Teil Bekleidung geht auch auf Kompressionssocken, den Sonnenschutz, die Oberbekleidung von Frauen und Sicherheitsaccessoires wie Stirnlampen ein, der Teil Technische Ausrüstung nicht nur auf Pulsmesser und Funktionsuhren, sondern auch auf Distanzmesser, Brillen, Babyjogger, Kameras, Musik-Player, Trainingshilfen wie Gewichte, Stöcke, Schneeschuhe, den MBT und auf Trinksysteme. Eines kommt nicht vor: Nasenpflaster. Als ich mich seinerzeit in Runner’s World darüber lustig gemacht hatte, erhielt ich einen bitterbösen Leserbrief. Vielleicht also ist es gut, daß der Ratgeber erst jetzt erscheint und das Angebot durch die Zeit und durch Webers Sieb gefiltert worden ist. Interessant und realitätsnah sind die Berechnungen: Was kostet Laufen?

Die Zielgruppe des Buches reicht also von nichtlaufenden Interessenten, die ein Bewegungstraining - kann auch Walking sein - erst vorhaben, bis zu ambitionierten Läufern und sogar zur nichtlaufenden Läufergattin, die auf der Suche nach einem Geschenk ist. Besonderer Dank, daß die modische Bezeichnung equipment nicht vorkommt und der Band ohne aufgepeppten Effekt schlicht „Ausrüstungshandbuch für Läufer“ heißt.

W. S.

Urs Weber: Ausrüstungshandbuch für Läufer. Runner’s World, Meyer & Meyer Verlag, 2009. Broschiert, 179 S., ill. 16,95 Euro. ISBN 978-3-89899-456-9



Auf den Spuren einer Legende

Dieses Buch ist für den Autor und den Verlag ein Glücksfall. Es ist erarbeitet worden, als auch der darin Porträtierte nicht wissen konnte, daß er einmal den Marathon-Weltrekord erlaufen würde, und es ist erschienen, kurz bevor er seinen Weltrekord noch unterboten hat. Der Name im Titel reicht, hohes Interesse zu wecken: Haile Gebrselassie.

Was bei Außenstehenden den Eindruck eines cleveren Schnellschusses erwecken könnte, dürfte in Wahrheit die Frucht harten journalistischen Mühens gewesen sein. Wie kommt man an einen prominenten Läufer im fernen Äthiopien heran, der nicht nur unentwegt trainiert und auf Laufreisen ist, sondern auch dank den erlaufenen Geldprämien ein vielbeschäftigter und sozial engagierter Unternehmer geworden ist? Der Autor, Klaus Weidt, läßt uns an der Geschichte dieses Buches teilhaben.

Sie begann im Juni 2005, und selbst zu diesem Zeitpunkt, als Klaus Weidt mit einer kleinen deutschen Reisegruppe nach Addis Abeba flog, waren bereits Jahre vergangen, in denen er sich mit Hailes Laufbahn (im Sinne des Wortes) beschäftigt hatte. Allein anderthalb Jahre dauerte es, einen äthiopischen Reiseunternehmer zu finden, der den Weg zur Teilnahme an dem reichlich improvisierten Abebe-Bikila-Marathon freischaufeln konnte. Doch der Autor, ein gestandener Ostberliner Sportjournalist, hatte schon vorher gezeigt, daß er dicke Bretter bohren kann. Im angesehenen Sportverlag Berlin hat er 1985 als Ko-Autor den Band „Kraftproben“, eine sauber recherchierte Geschichte der starken Männer, veröffentlicht. 

Von ähnlicher Detail-Genauigkeit ist auch der Band „Der Wunderläufer Haile Gebrselassie“. Klaus Weidt hat eine Fülle von Informationen zusammengetragen, und kenntnisreich ist er in der Lage, sie einzuordnen. Mit Empathie hat er sich der Biographie des Ausnahme-Athleten genähert und dies, ohne wie im Sportjournalismus so häufig die objektive Distanz zu verlieren. Klaus Weidt, Gründer des Berliner Laufmagazins „Laufzeit“ und inzwischen erfolgreicher Laufreiseunternehmer, spricht mit Haile auf Augenhöhe. Selbst wen die Zahlenwerte sportlicher Leistungen eher langweilen, wird von dem Buch gefesselt, weil ihm nicht nur der Läufer Gebrselassie, sondern auch sein Land nahegebracht wird. 

Die deutschen Läufer sind nicht nur als Touristen und sei es als läuferische Erlebnistouristen ins Land gekommen, sie haben auch den Bau einer Schule finanziert. Dank ihrer Initiative gibt es einen eigenständigen „Ethiopia Marathon“. 

Da Haile Gebrselassie noch nicht daran denkt, seine Laufbahn zu beenden - Laufen will er ohnehin lebenslang -, besteht die Chance, daß dieses Buch in weiteren Auflagen fortgeschrieben wird. Dabei kann man dann auch den Schweden Göteborg zurückgeben, das hier nach Dänemark eingemeindet worden ist (ein Fehler von derselben Qualität wie in meinem jüngsten Buch der falsche Vorname von Galloway), bei Grete Waitz ein t einfügen, einen Zahlendreher berichtigen und einige Sprachschlampereien umformulieren. 

Der Band enthält eine Tabelle der sportlichen Leistungen Gebrselassies, einen Bildteil - wobei die Bildlegenden als Schmalsatz am rechten Seitenrand gewöhnungsbedürftig sind - und eine Würdigung durch Kenner der Szene, Dr. David Martin, Mark Milde, Manfred Steffny, Paul Tergat und Wolfgang Weising. Zusammengefaßt: Ein sympathisches Buch über einen sympathischen Läufer, das zudem auch noch preiswert ist. 

W. S.

Klaus Weidt: Der Wunderläufer Haile Gebrselassie. Auf den Spuren einer Legende. Acasa Werbung & Verlag, Böttingen, 2008, kart., 192 S., illustriert. ISBN 978-3-00-025532-8. 9,90 €