Der Läuferbund - eine gescheiterte Vision
Persönliche Anmerkungen zur Organisationsform von Läufern

Wieder einmal tut sich eine Meinungsverschiedenheit zwischen der Laufbewegung und dem Deutschen Leichtathletik-Verband auf. Diesmal geht es um Geld. Der DLV will vom 1. Januar  2016 an für jeden Teilnehmer einer Laufveranstaltung oder anderen Veranstaltungen mit leichtathletischem Charakter eine Gebühr von 1 € kassieren. Das hat der Verbandsrat Ende Juli 2014 beschlossen.  Die Empörung bei den Laufveranstaltern ist groß. Für manche Veranstalter bedeutet die Gebührenerhöhung eine Steigerung zwischen 300 und 900 Prozent. Wieder einmal sehe ich mich in meiner seit Jahrzehnten kritischen Haltung zum DLV bestätigt.   Ursprünglich waren es persönliche Gründe. Das will ich einmal schildern.  

Mein persönlicher Ausgangspunkt: Zum Laufen war ich wie später sehr viele Menschen 1966 ohne irgend eine Vereinsbindung gekommen. Um an dem ersten Marathon für Ältere 1968 in Baarn/NL teilnehmen zu können, brauchte ich eine Vereinszugehörigkeit. Nach einem Schriftwechsel mit Meinrad Nägele, dem Geschäftsführer der Interessengemeinschaft älterer Langstreckenläufer, gab ich einen fiktiven Volkssportverein an, der nur aus mir bestand. Nachdem ich 1967 als Läufer angesprochen worden war, schloß ich mich in meinem Ortsteil zwei anderen Läufern an, die in einer neuen Gruppe „Zweiter Weg zum Sport“ für das Sportabzeichen trainierten. Als sich daraus eine wachsende Läufergruppe bildete, die wie andernorts schon die Idee des Lauftreffs vorwegnahm, warb der Leiter der Gruppe, Friedemann Haule, der spätere Lauftreffwart des DLV, für den Eintritt in den örtlichen Turnverein. 

Bald nach meinem Eintritt, wahrscheinlich im Jahr 1969, kam ich ins Grübeln. Was mich damals bewegte, habe ich im Juli 1980, nachdem ich den Verein verlassen hatte, erstmals öffentlich in einer Glosse in „Spiridon“ geäußert, die den Titel trug: „Mein Verein - oder kein Verein?“ Darin schrieb ich: „Ich fühlte mich als Anhängsel, das die Mehrzahl der Läufer tatsächlich in ihren Vereinen ist, sofern sie in einer anderen Abteilung, der Abteilung Leichtathletik, untergebuttert werden.“ Diese Aussage verdroß Friedemann Haule, Vorstandsmitglied des Vereins, erheblich. Ja, wo sollten Läufer denn organisiert sein? Er hatte offenbar nicht erkannt, daß eine völlig neue Entwicklung angebrochen war, ein Bewegungsaufbruch der Gesellschaft, der Eigenständigkeit zu beanspruchen hatte, und sich nicht vorstellen können, daß diese Entwicklung eine Anpassung der organisatorischen Strukturen verlangte. Mein damaliger Fehler war, daß ich nicht selbst diese Anpassung angestoßen habe. Allerdings sah ich mich, nachdem wohl in der Hauptversammlung 1972 meine Wortmeldung, die einzige des Abends, ohne irgend eine Resonanz geblieben war, auch nicht gerade zu einer Initiative ermutigt. Meine Gedanken über eigenständige Läufergruppen in den Vereinen, wurden jedoch, ohne daß ich mich mit anderen ausgetauscht hätte, von immer mehr Läufern geteilt. Seit Jahren haben sich dort, wo es aktive Läufer gibt, selbständige Läufergruppen in den Vereinen, ja, ganze Läufer-Vereine gebildet. Nichts anderes hatte ich mir vorgestellt. 

Nachdem auf lokaler Ebene kritisches Bewußtsein erwacht war, erkannte ich, daß auch der Deutsche Leichtathletik-Verband wenig für die Läufer tat, die ihm seit 1963 durch die Volksläufe und von 1975 an durch die Lauftreffs zugewachsen waren. Fast immer, wenn ich mit Otto Hosse, dem Veranstalter des ersten deutschen Volkslaufs und Volkslaufwart des DLV, zusammentraf, schüttete er mir sein Herz aus und klagte über mangelnde Unterstützung. Als es dank Harry Arndt Ende 1985 zur Gründung der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung kam, verfolgte dieser das Ziel, den Ultralangstreckenlauf meisterschaftsfähig zu machen. Das ging nur durch Kooperation mit dem DLV. Ich war skeptisch, doch da ich damals dem Vorstand der DUV angehörte, hielt ich mich mit Kritik am DLV zurück.

Ich erkenne durchaus an, daß einzelne DLV-Funktionäre der Entwicklung des Laufsports zu einer Massenbewegung gerecht geworden sind, ob es sich nun um die erstmalige Marathon-Teilnahme von Frauen beim Schwarzwaldmarathon, um die Ausbildung von Lauftreffleitern oder den Breitensportkongreß in Mainz gehandelt hat. Auch die Aktivitäten von Landesverbänden sind aller Ehren wert; der vom Württembergischen Leichtathletikverband organisierte und sehr erfolgreiche Halbmarathon in Stuttgart ist ein Zeichen solcher regionalen Bemühungen, die Läufer anzusprechen. Doch immer gab es Irritationen durch den Dachverband. Ohne diese wäre der um das Lauftreff-Modell verdiente Carl-Jürgen Diem, der nach Professor Klaus Jung, von 1985 bis 1990 der oberste Lauftreffwart des DLV war, sicher noch im Amt geblieben. Was sich in der jüngeren Vergangenheit abgespielt hat, nämlich daß über fünf Jahre lang ein abgewählter Vorsitzender der DUV den Ultramarathon beim DLV allein vertreten hat, ist nur ein jüngeres Problem in der Behandlung der Läufer durch den DLV - eine Mißachtung der Ultramarathon-Basis, die durch die 1500 Mitglieder der DUV repräsentiert wird. 

Meine Vision ist immer gewesen, daß sich die Läufer selbst organisieren. Die Interessen von Millionen von Läufern lassen sich durch einen Fachverband, der sein Hauptaugenmerk auf den Hochleistungssport und zwangsläufig auf Formalien richtet, nur unzureichend vertreten. Dies hat inzwischen die Erfahrung gelehrt. 

Falls man mir vorwürfe, ich sei ein Separatist, weise ich auf die Geschichte hin. Mit der Ausdifferenzierung des Sports haben sich die Organisationsformen gewandelt und sich immer neue Verbände konstituiert. Der Deutsche Leichtathletik-Verband selbst ist einer davon. Er ist aus der 1898 gegründeten Deutschen Sportbehörde für Athletik hervorgegangen; sie war zuständig für alle Sportarten gewesen. Bereits zehn Jahre später, als die Spezialisierung unübersehbar war, reduzierte sich die Sportbehörde auf die Leichtathletik und wurde zum Dachverband von Landesverbänden. Nach der sogenannten Gleichschaltung in der Nazizeit ging er im „Reichsfachamt Leichtathletik“ auf. Als nach dem zweiten Weltkrieg die Neugründung von Sportorganisationen möglich war, wurde 1949 der föderalistisch gegliederte Deutsche Leichtathletik-Verband mit den Kerndisziplinen Laufen, Springen und Werfen ins Leben gerufen. Eine Laufdisziplin jedoch, der erst später eingeführte Orientierungslauf, hat im Deutschen Turnerbund seine Heimat gefunden, obwohl er doch mit dem Turnen gar nichts zu tun hat. 

Wir haben in Deutschland wie in keinem anderen Land sonst einen Dualismus der Leibesübungen, die Turn- und die Sportbewegung. Nur in der DDR ist dieser Dualismus organisatorisch aufgehoben gewesen. Die Vereinigung von Turnen und Sport im Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) war sinnvoll. Leibesübungen, manchmal auch „Körperertüchtigung“ genannt (ein Begriff, den die Nazis gern gebrauchten), waren dank GutsMuths, Jahn und anderen popularisiert worden. Wer sie betrieb, war seit Jahn ein Turner, abgeleitet vom ritterlichen Turnier, denn immer haben sich die niederen Volksschichten etwas von den höheren abgeguckt, selbst ein „Pferd“ mußte auf den Turnplatz her. Zum Turnen gehörte im 19. Jahrhundert jegliches Bewegungstraining, zum Beispiel auch der Ringkampf. Der Begriff „Sport“ wurde deutschsprachig nachweislich erst 1830 von Fürst Pückler-Muskau, der damals England bereist hatte, benützt. Seine „Briefe eines Verstorbenen“, in denen Sport und sporting-match vorkommen, gehörten im 19. Jahrhundert zu den meistgelesenen Büchern in Deutschland. 

.Die „sports“ waren in deren Mutterland weitgefaßt; auch die Fuchsjagden des Adels waren Sport. Vor allem aber war Sport Leistungsvergleich, auf dessen Ausgang man wie ursprünglich auf Zweikämpfe wetten konnte. Der deutschsprachige Begriff changiert, tendenziell hat er eine Ausweitung erfahren. Gegen sie stemmt sich Professor Klaus Tiedemann, der selbst die Bezeichnung Gesundheitssport nicht gelten lassen mag. Nach seiner Definition ist auch Joggen kein Sport, sondern „Bewegungskultur“. So heißt seit einigen Jahren auch sein Lehrstuhl. Haben diejenigen, die beim Ultramarathon 100 Kilometer nicht mehr laufen, sondern gehen, damit aufgehört, Sport zu treiben? 

Der Leistungsvergleich im Wettkampf ist ursprünglich dem Sport, nicht dagegen dem Turnen immanent. Bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts war das Vereinsgeschehen vom Leistungsdenken geprägt, dies galt auch für Turnvereine, soweit sie einem Leichtathletikverband angehörten. Ich habe das in der Zeit meiner lokalen Vereinsangehörigkeit in den Sechzigern und Siebzigern selbst erlebt. Ich erinnere mich an die öffentliche und die interne Abwertung des 100-km-Laufs durch Leichtathletik-Funktionäre. Ein Sportfreund, der die 100 Kilometer lief, wurde damals von seinem Übungsleiter kritisiert, er solle doch erst einmal eine vernünftige Marathonzeit bringen. Das Ansehen von Läufern im Verein hing nicht von der Schwierigkeit einer vollbrachten Ausdauerleistung, sondern von der Marathonzeit ab. Die Orientierung auf den Hochleistungssport hin zog sich vom DLV in Darmstadt bis zu den lokalen Vereinen hin. Angeblich bedingen ja Hochleistungssport und Breitensport einander. Im Grunde jedoch braucht der Breitensport den Hochleistungssport so wenig wie die Automobilindustrie die Formel 1. Und der Breitensport als Basis für die Selektierung von Talenten für Spitzenleistungen? Wir haben in Deutschland mit dem Gesundheitssport und der Laufbewegung einen Breitensport wie nie zuvor in unserer Geschichte und gleichzeitig einen Abfall der Spitzenleistungen im Laufen. 

Da wir Volksläufer meistens uns selbst oder die Strecke zum Gegner haben und selten um die Spitze in der Altersklasse kämpfen, müßte uns also von Haus aus die nicht auf Spitzenleistung hinzielendeTurnbewegung nahestehen; auch die Impulse zur Breitensport-Initiative „Zweiter Weg zum Sport“ in den sechziger Jahren waren eindeutig von Akteuren des Deutschen Turnerbundes sowie der Deutschen Sportjugend ausgegangen (Verena Mörath, 2005). Die Turnfeste des Turnerbundes waren fröhliche, entspannte Massenvorführungen. Mit der Zeit hat sich das Turnen mit seinem vielfältigen, nicht leistungsbezogenen Angebot immer mehr verengt, in meiner Jugend auf das Geräteturnen. Da ich am Reck wie ein nasser Sack hing, wie manche aus meinen Bekenntnissen wissen, und ein Turnlehrer am Barren mit dem Rohrstock nachhalf, haßte ich das Fach Turnen. Vielleicht könnte ein Tiefenpsychologe in meinen extensiven Laufaktivitäten sogar kompensatorische Momente entdecken. Längst ist auch das Turnen, die Bewegungskultur des 19. Jahrhunderts, durch Hochleistung versportlicht, in einer Geräteartistik, die benotet wird. Turnen und Sport haben sich angeglichen; in der Alltagssprache werden die Bezeichnungen als Synonyma gebraucht.

Im 19. Jahrhundert waren Turner und Sportler feindliche Brüder. Die Deutsche Turnerschaft lehnte die Teilnahme an den ersten Olympischen Spielen 1896 ab; an ihrer Haltung wäre eine deutsche Beteiligung fast gescheitert. Heute könnte ein Zyniker sagen: Recht haben sie gehabt, die Turner des 19. Jahrhunderts. Doch es kommt darauf an, das Rechte zur rechten Zeit zu tun. Die Übernahme des englischen Sports war sowohl unvermeidbar als auch notwendig. Anthropologisch gesehen: Die Herausforderungen im Leistungsvergleich entsprechen der menschlichen Natur. Der Sport brachte frischen Wind in die muffigen Turnhallen mit ihrem Disziplinierungsritual. 

Der Dualismus von Turnen und Sport hat heute keine Berechtigung mehr; er ist von der Entwicklung überholt. Ein Ende des 19. Jahrhunderts gegründeter Turnverein unterscheidet sich im Angebot nicht mehr von einem von vornherein als Sportverein gegründeten Zusammenschluß. Oftmals werden turnerische Aktivitäten, zum Beispiel Gymnastik, als Sport bezeichnet. Laufschuhe hingegen werden umgangssprachlich auch schon mal zu Turnschuhen. Vernünftig wäre es, wenn es zu einer organisatorischen Verschmelzung von Turnen und Sport käme, so wie das in der DDR geschehen war. Daß die Verschmelzung von Organisationen gleicher oder ähnlicher Zielsetzung auch heute noch möglich ist, hat sich gezeigt, als zwei unter unterschiedlichen Bedingungen gegründete Organisationen, der Deutsche Sportbund und die Deutsche Olympische Gesellschaft, fusionierten. Nicht im entferntesten ist damit eine Welt zusammengebrochen. Doch nicht einmal der Badische und der Württembergische Leichtathletik-Verband haben es geschafft, sich zu einem einzigen Verband im Bundesland zusammenzuschließen. 

Immer sind die Formen der körperlichen Aktivität im Fluß gewesen. Die Turnbewegung des 19. Jahrhunderts als Träger der Leibesübungen hatte sich zunächst auf immer mehr Bewegungsformen ausgeweitet. Man denke an die Verbreitung des Fahrrades oder die Ballspielarten. Die unausweichliche Folge war die organisatorische Spezialisierung. Die Ringer gründeten eigene Kraftsportvereine, die Schwimmer Schwimmvereine; selbst innerhalb des Kraftsports spalteten sich der Rasenkraftsport und das Gewichtheben ab. Aus Fußballabteilungen wurden Fußballvereine. Bei populär werdenden Sportarten lag es nahe, sich von vornherein in eigens dafür gegründeten Vereinen und Verbänden zu organisieren. Für die Skiläufer war dies unabdingbar, auch wenn sich schon GutsMuths mit dem Skilauf befaßt hatte. Importe wie Golf und Squash sowie die zunehmende Zahl von Trendsportarten verstärkten die Entwicklung hin zu Spezialverbänden. Zum Beispiel hätten Schwimmvereine niemals die spezifischen Bedürfnisse der Information und der Technik der Sporttaucher, deren Zahl in Deutschland seit den fünfziger Jahren auf heute über 70 000 gestiegen ist, abdecken können. Der 1884 gegründete Bund deutscher Radfahrer mit heute 150000 Mitgliedern vermochte die Bergradfahrer nicht zu integrieren; sie gründeten im Jahr 2007 den Mountain Bike Verband Deutschland. 

Soziale Schichtungen führten im 19. Jahrhundert zu weiteren Differenzierungen. Der politisch erwachende Arbeiterstand löste sich vom bürgerlichen Turnen und schuf die Arbeitersportbewegung. Die naserümpfende Distanzierung des bürgerlichen Sports vom Arbeitersport wirkte offenbar bis in die jüngste Vergangenheit hinein, wie ich als Redakteur der „Condition“ aus einem Leserbrief ersehen konnte. Akademiker hatten ihren eigenen Ruderclub, Studenten ihre Hochschulmeisterschaften. Tennisclubs waren in den dreißiger Jahren so elitär wie zum großen Teil Golfclubs heute. Der von van Aaken gegründete und von Dr. Hans-Henning Borchers 15 Jahre lang geleitete Deutsche Verband langlaufender Ärzte und Apotheker hingegen war nicht als ständischer Verband konzipiert, sondern sollte wie sein amerikanisches Vorbild eine aufklärerische Funktion erfüllen. 

Die Katholische Kirche, Jahrhunderte lang leibfeindlich, erkannte die Bedeutung des Sports und schuf 1920 eine eigene Organisation, die Deutsche Jugendkraft, mit heute 530 000 Mitgliedern. Der Name taucht im Laufsport in der Ausschreibung zum Schwäbische-Alb-Marathon auf. Bereits 1903 konstituierte sich der jüdische Sportverband Makkabi Deutschland, dessen Ursprünge auf einen 1898 in Berlin gegründeten Verein zurückgehen. 

Als sich Extremsportler entschlossen hatten, drei Ausdauersportarten im Triathlon miteinander zu verbinden, organisierten sie sich in einem eigenen Verband (anfangs waren es gleich zwei). Selbst mit einer eigenen Triathlonabteilung im Turnverein mochten sich viele nicht zufrieden geben; sie gründeten lokale Triathlonvereine. Der Triathlon ist ein zeitgenössisches Beispiel dafür, wie eine neue Sportbewegung zu einer eigenständigen Organisationsstruktur drängen kann. Jede Trendsportart hat ihre eigene Organisation, obwohl die sportlichen Techniken durchaus in vorhandene Strukturen passen würden. Es wäre zum Beispiel denkbar gewesen, Inline-Skating organisatorisch in den Skilauf zu integrieren.

Quantitativ wie qualitativ hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten, in denen die Bewegung im Alltag und die Fußbewegung auf ein Minimum geschmolzen sind, eine Bewegungskultur mit einer Dynamik wie nie zuvor entfaltet. Ausgerechnet die meistverbreitete Sportart Laufen und Walking jedoch ist in das enge Korsett der Leichtathletik, die sich in Stadien und Hallen abspielt, gepreßt worden. Was hat ein Marathon-Läufer mit einem meistens übergewichtigen Kugelstoßer gemein, was eine Marathon-Läuferin mit einer muskulösen, häufig maskulinen Diskuswerferin? Tatsache ist, daß sich die Massenbewegung Laufen nicht innerhalb der dem DLV angeschlossenen Vereine entwickelt hat. Keine der die Breitensportlandschaft prägenden Initiativen ist vom DLV ausgegangen, nicht der Volkslauf, nicht der Lauftreff, nicht der City-Marathon, nicht der Berglauf, nicht der Ultramarathon, erst recht nicht der Ultrabergmarathon, der Extremberglauf oder der Treppenlauf. Überwiegend befinden solche Funktionäre und Delegierte über Langlaufdisziplinen, die von den wenigsten selbst ausgeübt worden sind. Die Unterscheidung von Brutto- und Realzeit, die erst durch die Technik der Sensorenmessung ermöglicht wurde, ist von außen gekommen; sie dient dem Volkssport, für den Hochleistungssport ist sie nicht relevant. Der DLV stellt sich für Läufer und Walker im Grunde nur als ihr Verwaltungsorgan dar. Es hat mit der Wirklichkeit des Breitensports nichts mehr zu tun, sondern schafft primär die Voraussetzungen für den Hochleistungssport. 

Konsequent wäre daher, für Läufer und Walker eine ganz neue Organisationsstruktur aufzubauen. Die Läuferabteilung im örtlichen Verein hätte es dann mit dem Dachverband der Läufer und Walker zu tun. International dürfte es keine Rolle spielen, ob nun ein DLV oder ein Deutscher Läuferverband agiert. Bedeutet das, daß eine Kerndisziplin aus der Leichtathletik herausgebrochen würde? Nein, man könnte den Trennungsstrich zwischen Stadionlauf und Straßenlauf ziehen. Wer 10 000 m im Hochleistungssport läuft, zählt sich zur Leichtathletik; wer 10 000 m im Volkslauf zurücklegt, findet sich im Läuferverband besser aufgehoben. 

Meine Vorstellungen sind mehr denn je eine Utopie. Ansätze zur partiellen Realisierung hat es mehrfach schon gegeben. Die Gründung einer Interessengemeinschaft älterer Langstreckenläufer (IGÄL) 1964 durch Ernst van Aaken (eingetragener Verein seit 1969) war ja bereits das Tor zur Eigenständigkeit von Straßenläufern, nämlich solchen, die ihre Leistungsphase schon beendet hatten. 1991 hat sich die IGÄL in IGL umbenannt und damit den Anspruch erhoben, die Interessen aller Straßenläufer zu vertreten. Dieser Anspruch konnte nicht im entferntesten eingelöst werden, vermutlich weil dieser Beschluß zu spät erfolgt ist. Er hätte schon 1974, als der Deutsche Sportbund dank dem hohen Engagement des zu früh verstorbenen Prof. Dr. Jürgen Palm treuhänderisch die Lauftreffs aufbaute und ein Volkslauf nach dem anderen ins Leben gerufen wurde, gefaßt werden müssen. Bedauerlich ist, daß die IGL die Kernkompetenz der vormaligen IGÄL, die Interessenvertretung der Älteren, völlig aufgegeben hat. Man müßte im Grunde eine neue IGÄL schaffen; unter dem Aspekt des Seniorenlaufs und der demographischen Veränderungen ist der Bedarf da. 

Als es 1976 in der IGÄL zum Schisma kam, ausgedrückt durch das Erscheinen von „Spiridon“ als ziemlich bald erfolgreicherer Wettbewerber zu „Condition“, dem Verbandsorgan der IGÄL, gründeten Manfred Steffny und Ernst van Aaken nach angelsächsischem Vorbild den Road Runners Club; er blieb eine Papiergeburt, wie sich später herausstellte. Der Verband, dem auch ich angehörte, ohne daß jemals ein Mitgliedsbeitrag erhoben worden wäre, bestand real zuletzt wohl nur noch aus seinem Vorsitzenden. Die zahlreichen Road Runners Clubs in England und den USA, darunter der berühmte Road Runners Club New York, beweisen dagegen, daß die Selbstorganisation der Läufer möglich ist. Aber dort hatte man sich nicht mit tradierten und von der Entwicklung überholten Strukturen herumzuschlagen. Auch die Schweizer zeigen sich mit den Swiss Runners einer Verbandsmonopolisierung abhold.

Im Jahr 1972, als der Deutsche Sport-Bund seine Trimm-Aktion entfaltet hatte, wurde der Trimm-Club gegründet. Man baute damit also nicht auf die Fachverbände, sondern schuf eine neue, breitensportliche Gruppierung. Sie erlangte allerdings keine Popularität; ein halbgefüllter Ordner mit einer Serie über das Laufen, die Manfred Steffny geschrieben hat, steht im Sportmuseum Berlin. 

Bereits in den siebziger Jahren bildete sich eine Konkurrenz - jedenfalls wurde sie so empfunden - zu der tradierten Struktur des Sportvereinswesens, die Volkssportverbände. Der Internationale Volkssportverband (IVV) begann, mit Volksmärschen „sanften Ausdauersport“ zu pflegen. Der Deutsche Volkssportverband (DVV) umfaßt heute 9 Landesverbände und 5 Bezirksverbände. Die Zahl der Teilnehmer an Volkssportveranstaltungen, vornehmlich organisierten, jedoch individuell gestarteten Wanderungen auf vorgegebenen und betreuten Routen wird mit 1,5 Millionen im Jahr angegeben. Wir haben hier eine regelrechte Parallelgesellschaft der Bewegungskultur. Am Anfang fehlte wohl nicht viel, und laufende Sportvereinsmitglieder, die an einer IVV-Veranstaltung teilnahmen, wären ausgeschlossen worden. Vom offiziellen Sport wird der Volkssportverband ignoriert. Der DLV förderte zwar über die Lauftreffs das Walking; doch die Walker haben ihre eigene Organisation, was dem Miteinander von Läufern und Walkern nicht gerade entgegenkommt. Dachverband ist die International Walking Association. Damit nicht genug, 1991 ist der Weltverband TAFISA (Trim & Fitneß International Sport For All Association) gegründet worden, Mitbegründer und bis 2005 Präsident war Jürgen Palm vom DSB, Generalsekretär ist Wolfgang Baumann, vordem Breitensportreferent des DSB. Die TAFISA hat ungeachtet der Walking-Organisationen am ersten Oktober-Wochenende ihren World Walking Day. Es ist schon kurios, daß hier eine Meta-Organisation für den Breitensport aufgebaut worden ist, während die Amateur-Läufer in Deutschland mit dem Fachverband DLV, im wesentlichen einem Berufsverband des Profi-Sports, vorlieb nehmen müssen. 

Nachdem die Umbenennung der IGÄL in IGL mit dem Anspruch, eine Läufergewerkschaft zu sein, folgenlos geblieben war, bot sich mit der Wiedervereinigung eine weitere Chance. Die Initiative ging aus der ehemaligen DDR hervor. Wie bekannt, entwickelte sich dort die Laufbewegung nur zögerlich; für das erstrebte sozialistische Gemeinschaftsgefühl schien sie kontraproduktiv. Die Sportpolitik verfolgte das Ziel, sportliche Höchstleistungen zum Aushängeschild des Sozialismus zu machen. In dem stundenlangen individuellen Ausdauertraining wurde eine Beeinträchtigung der „gesellschaftlichen Arbeit“ gesehen, wenn nicht sogar in der Laufbewegung nach den Kirchen eine weitere Widerstandsbewegung. Der Rennsteiglauf wurde, weil er nicht mehr verhindert werden konnte, nur mit Mühe in den sozialistischen Sport integriert, und die öffentliche Darstellung des Laufens in der DDR vollzog sich in einem fotokopierten Blatt von Dietmar Knies in Leipzig. Der Rennsteiglauf blieb Läufern aus dem „kapitalistischen Ausland“ verwehrt. Läufer aus der DDR, die aus familiären Gründen in den Westen reisen durften, benützten die Gelegenheit, bei Laufveranstaltungen in der Bundesrepublik oder gar illegal in Biel (Schweiz) zu starten.

Mit der Wiedervereinigung brachen sich die angestauten Bedürfnisse Bahn - sowohl nach Teilnahme an bekannten Laufveranstaltungen als auch nach Artikulation. Bezeichnend ist die private Gründung einer Laufzeitschrift, der „Laufzeit“, im Ostteil Berlins - dies trotz einem bereits verengten Markt. Die durch den Staat und seinen DTSB bevormundeten Läufer, insbesondere diejenigen, die nicht in die hochleistungssportlichen Kader aufgenommen wurden, drängte es nach einer eigenen Organisation, dem Läuferbund. Dies war die große Chance einer bundesweiten eigenständigen Läuferorganisation. In diesem Sinne operierte dankenswerterweise auch die IGL. Bereits gedruckte Visitenkarten von potentiellen Funktionären zeigten, wie ernst es den Initiatoren war. Doch sie hatten wohl nicht die verfestigten Strukturen der alten Bundesrepublik und das Beharrungsvermögen der in den herkömmlichen Leichtathletikabteilungen organisierten Läufer ins Kalkül gezogen. Die Visitenkarten flogen wahrscheinlich in den Papierkorb. Die große Idee versandete. 

Die organisatorische Offenheit der Läufer anderer Länder, insbesondere in den Road Runners Clubs, stellte sich nicht ein. Der DLV hat das Monopol der Zuständigkeit für Läufer und Walker behalten. Allerdings nicht ganz. Die Leiste auf den Volkslauf-Ausschreibungen „Vom DLV genehmigt“ mit dem Schriftzug des Bundesvolkslaufwarts ist wertlos geworden. Eine neue Form des Wettkampfangebots hat die Oberhand gewonnen, die professionelle und damit auch kommerziell orientierte Vermarktung. Neugegründete Laufveranstaltungen werden von Kommunen, Touristikern, Medien, Fachgeschäften als Mittel der Selbstdarstellung benützt. Das bedeutet nicht, daß nicht auch mit hohem Engagement zu Werke gegangen würde. Die Vereinsmitgliedschaft als Entreebillet für die Teilnahme an Wettbewerben hat für die überwiegende Zahl von Läufern ausgedient. Vereinsmeister im Marathon zu sein, - was ist das schon gegen das Diplom, den K 78 beim Swiss Alpine bestanden zu haben! Stadtmarathone stehen höher im Kurs als Deutsche Marathonmeisterschaften. Ultralangläufe tragen ihren Wert in sich. Früher mag man für „seinen“ Verein gelaufen sein, heute könnte sich höchstens der Verein damit schmücken, in seinen Reihen einen oder mehrere erfahrene Landschafts- und Bergläufer oder gar Extremläufer zu haben. Grund der Vereinszugehörigkeit sind heute durchweg persönliche Motive, die Nestwärme des örtlichen Vereins, die Sportfreunde, die dort Mitglied sind, gelegentlich vielleicht auch die ideelle Unterstützung des Sports. Rational gesehen aber ist eine Zugehörigkeit zum lokalen Verein für Amateure überflüssig geworden. 

In Darmstadt hat man davon offenbar nicht Kenntnis genommen; erst recht wird man sich nicht von den Vorstellungen eines Außenseiters, den man allenfalls von der Laufstrecke, aber nicht aus dem Verbandsbetrieb kennt, beeinflussen lassen. Dennoch, ich halte die Situation für unbefriedigend. Doch die Initiative kann nicht mehr von der Läuferschaft ausgehen; dazu sind entweder die gewohnten Bindungen zu stark oder man steht bereits dem Vereinswesen zu fern. Nach meiner Auffassung sollte der DLV selbst handeln und den Weg zu einer organisatorischen Emanzipation der Amateur-Läufer weisen. Nach der Gebührenerhöhung ist er davon weit entfernt. Meine Vision bleibt. 

Werner Sonntag